Szene 3


Was bisher geschah: Emma hat einen hartes Jahr. Zuerst die Scheidung ihrer Eltern, dann der Umzug vom Hamburg nach Köln. Weg von Philipp, ihrer großen Liebe, weg von Greta, ihrer besten Freundin.

Der erste Schultag ist eine Katastrophe, keine Freunde, unbekannter Unterrichtsstoff und Roman und Anna, zwei von Emmas neuen MitschĂŒlern, betiteln sie als Fischkopf und machen ihr das Leben noch schwerer, als es eh schon ist.

Hier geht es weiter mit Szene 3:

Als ich aus der Schule nach Hause komme, liegt ein Zettel von Mum auf dem Esstisch: Liebes, musste fĂŒr einen kranken Kollegen einspringen, bin heute Abend erst spĂ€t zurĂŒck. Essen im KĂŒhlschrank. Melde mich, wenn ich gelandet bin. Hoffe, dein erster Schultag war okay. Bitte bleib zu Hause, mache mir Sorgen, die Stadt ist noch zu neu fĂŒr dich. Bis spĂ€ter. DrĂŒck dich. Mama.
Ich starre auf den Zettel, die Buchstaben verschwimmen, TrĂ€nen schießen mir in die Augen. Das ist ein bisschen viel fĂŒr einen Tag. Neue Schule, neue Lehrer, unbekannter Mathestoff, das Verhör von Roman und Anna und jetzt auch noch mutterseelenallein bis heute Abend in der Wohnung hocken.
Ich halte es genau achtzehn Minuten aus. Achtzehn Minuten, in denen ich bestimmt dreißigmal zwischen Ess- und Wohnzimmer hin- und herlaufe, viermal versuche, Mum zu erreichen, deren Handy ausgestellt ist, weil sie gerade irgendwo ĂŒber den Wolken gutgelaunte Urlauber nach Mallorca oder Ibiza bringt, dreimal Dad, der vermutlich irgendwo in Hamburg ein PlĂ€doyer fĂŒr einen Angeklagten hĂ€lt und im Gerichtssaal ebenfalls sein Handy ausstellen muss, und ungefĂ€hr zwanzigmal jeweils Philipp und Greta, die wahrscheinlich noch in der Schule oder in irgendwelchen AGs sind, wo man das Handy erst gar nicht mitbringen darf. SpĂ€ter werden sie sich, wie jeden Dienstag, mit vielen anderen im point one treffen, rumhĂ€ngen, Cola trinken, Musikvideos schauen und im Internet surfen, so, wie wir es immer dienstags zusammen gemacht haben. Nur, dass ich jetzt ĂŒber vierhundert verdammte Kilometer weit weg in einer Kölner Wohnung sitze.
Oh Mann, fĂŒhl ich mich grauenhaft einsam. In meinem ganzen Leben hab ich mich nur einmal so grauenhaft einsam gefĂŒhlt: Als ich mich mit vier bei einem Kindergartenausflug im Tierpark Hagenbeck verlaufen und aus dem Affenhaus nicht mehr nach draußen gefunden habe. Aber da gab es immerhin einen Orang Utan, der mir zugezwinkert hat. Hier, in dieser blöden, kleinen Wohnung in dieser blöden, kleinen Stadt, gibt es nicht mal einen Orang Utan.
Ich zappe mich durch die Fernsehprogramme, aber es lÀuft nur langweiliges Zeug, der absolute Höhepunkt der Spannung ist eine alte Dampflokomotive, die, von Volksmusik begleitet, durch eine Berglandschaft kriecht.
Gerade will ich genervt den Fernseher wieder ausstellen, da kommt mir die Idee. Eine Welle von Abenteuerlust lĂ€uft durch meinen Körper. Einen winzigen Moment zögere ich noch, eine kleine, zarte, innere Stimme Ă€ußert ein paar Bedenken, aber die höre ich lĂ€ngst nicht mehr, als ich zum Bahnhof laufe und Rosenstolz „Ich geh in Flammen auf“ in mein Ohr brĂŒllen lasse.
Eine Dreiviertelstunde spĂ€ter sitze ich im IC auf dem Weg nach Hamburg. Grinsend betrachte ich die vorbeifliegenden BĂ€ume, die Autos, die wir ĂŒberholen, die Menschen, die von irgendwo nach irgendwo gehen, und freue mich tierisch ĂŒber Philipps SMS, wie sehr er mich gerade dienstags immer vermisst. Wie er schauen wird, wenn ich ins point one komme! Ich muss jetzt schon lachen, wenn ich mir Gretas herunterfallende Kinnlade vorstelle. Wir werden zusammen Cola trinken und rumhĂ€ngen, und wenn Greta im Internet surft, werde ich Philipp endlich endlich wieder kĂŒssen, und wenn Philipp aufs Klo geht, werde ich Greta fragen, was Philipp so macht, außer mir viele SMS am Tag zu schreiben, in denen er mir sagt, wie sehr er mich vermisst und wie lieb er mich hat.
Und spĂ€ter wird Philipp mich wieder zum Bahnhof bringen und mich ein letztes Mal kĂŒssen, und wenn Mama heute Abend wieder da ist, werde ich an meinem Schreibtisch sitzen, und sie wird auf eine viel glĂŒcklichere Tochter treffen, als wenn die den ganzen Tag einsam und allein in der Wohnung geblieben wĂ€re. Und ich werde ihr erzĂ€hlen, dass der erste Tag in der neuen Schule gar nicht so schlimm war. Und sie wird sich freuen, dass es mir gar nicht mehr so schlecht geht mit dem Umzug. Aber vor allem wird sie gar nicht merken, dass ich ĂŒberhaupt weg war.
Die Fahrt zieht sich zunĂ€chst ewig hin. Die ersten drei Stunden wollen gar nicht vergehen, die letzte Stunde rast dann plötzlich. Ich werde immer aufgeregter, mein Herz klopft immer lauter, meine HĂ€nde fangen an zu schwitzen. Das Einzige, was ein ganz klein bisschen meine Vorfreude trĂŒbt, ist, dass ich zwar endlich wieder in Hamburg sein werde, aber Dad nicht sehen kann. Abgesehen davon, dass bei nicht einmal zwei Stunden Aufenthalt, ein Besuch bei ihm wirklich nicht drin ist, wĂ€re er ĂŒber meinen eigenstĂ€ndigen Ausflug nach Hamburg bestimmt auch Ă€hnlich sauer wie Mum, wenn sie es wĂŒsste. Aber Dad wird mich ĂŒbernĂ€chstes Wochenende besuchen, tröste ich mich, die Zeit bis dahin halte ich noch aus.

Die TĂŒren vom point one stehen offen. Schon von weitem kann ich das rot-gelbe Logo, die vertraute kleine Terrasse, die alten HolzstĂŒhle erkennen. Hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich hin. Zu Philipp, zu Greta, zu dieser wunderbaren Stadt. Das Gemurmel wird lauter, einzelne Stimmen werden unterscheidbar, einzelne Satzfetzen hörbar, wĂ€hrend ich ĂŒber die Terrasse gehe und am Eingang stehen bleibe.
Da sitzen sie, an unserem Stammtisch. Sitzen, als hĂ€tte es die letzten Wochen nicht gegeben, kein Umzug, keine Fernbeziehung, keine neue Schule. Philipp, mit dem RĂŒcken zu mir, schaut hoch zu den Monitoren, auf denen der Umbrella-Clip von Rihanna lĂ€uft, Greta, schrĂ€g gegenĂŒber von Philipp, blĂ€ttert in einer Zeitschrift, ein paar MĂ€dels und Jungs aus unser Klasse sitzen mit ihnen am Tisch, ein paar Neue ebenfalls, die ich noch nicht kenne. Ich spĂŒre mein eigenes Grinsen. Gleich ist es soweit, ich mache zwei, drei Schritte auf den Tisch zu, da beugt sich plötzlich das MĂ€dchen, das neben Philipp sitzt, zu ihm und kĂŒsst ihn. Mein Fuß, der gerade einen weiteren Schritt machen wollte, bleibt in der Luft hĂ€ngen. Rihanna scheint mitten im Song zu stoppen und interessiert auf Philipp und das MĂ€dchen zu schauen. Philipp löst sich von den Lippen des MĂ€dchens, sieht sie an, gleich wird er ihr empört eine Szene machen, wird sie angiften, ihr vielleicht sogar vor lauter Empörung die Ohrfeige geben, die ich ihr jetzt geben könnte, da legt auch Philipp seinen Arm um das MĂ€dchen, zieht sie an sich und – ich erfriere - kĂŒsst sie zurĂŒck. Er kĂŒsst sie, als hĂ€tte er sie schon oft gekĂŒsst, als hĂ€tte sie ihn schon oft gekĂŒsst, als wĂ€re es das Normalste von der Welt, sich so zu kĂŒssen. Greta schaut wie zufĂ€llig hoch, sieht die Szene - und blĂ€ttert desinteressiert eine Seite in ihrer Zeitschrift weiter. Ich stehe mitten im Raum, starre auf die KĂŒssenden und ...

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