Szene 1


„Ist das geil?“ Greta wartet keine Antwort ab, sondern stürzt sich kopfüber vom Dreimeterbrett in die Fluten. Ich nehme Anlauf, wippe, drücke mich kräftig ab und fliege Greta im hohen Bogen nach. Später werde ich Fallschirmspringerin, denke ich, bevor ich eintauche, Kühle in diesem mörderheißen Sommer, mich unter Wasser einfach treiben lasse und erst, als ich dringend Luft brauche, wieder auftauche.
Greta steht schon am Beckenrand und winkt begeistert. Ich liebe Sommer, ich liebe das Schwimmbad, ich liebe mein Leben. Ich hasse Winter, Physikarbeiten schreiben und die Scheidung meiner Eltern. Aber letztere ist nun schon zwei Monate her, vorletzteres tun wir frĂĽhestens in zwei Monaten, und bis zum Winter dauert es noch ein halbes Jahr.
Philipp schleicht sich von hinten an Greta ran und hält die Finger zu Hasenohren an ihren Kopf. Greta kriegt es nicht mit. Philipp grinst über beide Wangen und blinzelt mir zu. Ich blinzele zurück, das sieht Greta, sie fährt herum, und eine Sekunde später befindet sich der überraschte Philipp im Wasser. Jetzt ist es Greta, die grinst. Während sie wieder zum Sprungturm läuft, springt Philipp mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser, schwimmt auf mich zu, umarmt mich und küsst mich dann so, dass ich den Boden unter den Füßen verlieren würde, wenn ich welchen hätte. Wir gehen zusammen unter, und ich höre erst auf, Philipp zu küssen, als ich schon fast erstickt bin. Außer den Sommer, das Schwimmbad und mein Leben, liebe ich auch noch Philipp.
„Liebst du mich, Emma?“, fragt der Junge, den ich liebe.
„Ich denk mal drüber nach“, antworte ich, woraufhin der Junge, den ich liebe, mich so lange unter Wasser drückt, bis ich mit zwei Fingern Peace signalisiere.
„Liebst du mich, Emma?“, wiederholt er lachend, und ich nicke atemlos: „Ja, Philipp, ich liebe dich.“
Platsch macht es neben uns. Greta taucht auf.
„Pommes?“, fragt sie.
Wir nicken: „Pommes!“

„Einmal Ketchup und zweimal doppelte Portion Mayo“, bestellt Greta, während Philipp schon mal eine Bank für uns sichert.
„Dir geht’s wieder besser, ne?“, sagt Greta und legt ihren Arm um meine Schulter.
„Viiiiel besser“, nicke ich und lege meinen Arm um ihre Taille. Dann warten wir schweigend auf die Pommes. Greta und ich wissen meist, was die andere fühlt, ohne dass wir es lange erklären müssen. Ich denke an die letzten zwei Jahre zu Hause, an all den Streit zwischen Mum und Dad, an Dads Fremdgehen, an Mums prompte Rache, an die verheulten Nächte von Mum, bevor die beiden sich getrennt haben, an die verheulten Nächte von mir, nachdem sie sich getrennt haben. Ich hab gedacht, das überwinde ich nie, meinen Vater zu verlieren, nicht mehr mit ihm zusammen zu leben, nicht mehr jeden Morgen mit ihm zu frühstücken, nicht mehr abends von nebenan seine Musik zu hören, wenn ich einschlafe.
„Dreimal Pommes, einmal Ketchup, zweimal doppelte Mayo“, ruft der Frittenmann und knallt drei Schälchen auf den Tresen. Greta fischt sofort eine besonders dicke Fritte mit viel Mayo raus.
Während uns Philipp breit entgegenlacht, balancieren wir die Schälchen durch die Menge.
„Wann sagst du es ihr?“, fragt Greta.
„Noch nicht“, sag ich.
Mum kennt Philipp noch nicht. Also, ich meine, sie hat gar keine Ahnung, dass er existiert. Philipp und ich sind schon fĂĽnf Wochen, vier Tage, drei Stunden und sieben Minuten zusammen, aber ich hatte keinen Bock, ihr was zu sagen. Abgesehen davon, dass Mum zur Zeit nicht grad in einer guten Phase ist, und ich sie nicht mit noch mehr Kram belasten wollte, ist es auch entspannter, wenn Mum denkt, ich bin bei Greta, wenn ich bei Philipp bin. Seitdem Dad ausgezogen ist, ist Mum immer unruhig, wenn sie wegfliegen muss.
„Ich weiß nicht, wie das mit dem Job weitergehen soll. Wir brauchen das Geld dringend“, hat sie ein paar Mal gesagt, „aber ich kann dich doch nicht ständig alleine lassen.“
„Mum! Ich bin vierzehn“, hab ich gesagt.
„Eben!“, hat sie geantwortet.
Ich habe zwei Wochen gebraucht, um zu verhindern, dass Mum mir ein Kindermädchen besorgt. EIN KINDERMÄDCHEN!!! Hallo? Wie peinlich ist das denn? Emma, vierzehn Jahre alt, wird von einem Kindermädchen betreut? Es schien mir entschieden besser, von Philipp vorerst nicht zu viel zu erzählen. Also, sozusagen gar nichts. Jedenfalls nicht in der Probephase.
„Wir machen eine Probephase von zwei Monaten“, hat Mum gesagt. „Wenn es gut geht, bleibt es so.“ Bis jetzt ist alles gut gegangen.
„Ich sage ihr das auf keinen Fall , solange wir noch in der Probephase sind.“
Greta nickt. Philipp nimmt mir vorsichtig ein Schälchen aus der Hand. „Hm, lecker“, stöhnt er, „hab einen Mordshunger.“
Direkt an unserer Bank vorbei läuft ein Mädchen im sehr knappen Bikini. Philipp schaut ihr unauffällig nach. Nicht unauffällig genug. Ich stoße ihm den Ellbogen in die Seite, vor Schreck lässt er die Fritten fallen, blutrot läuft das Ketchup über seine Badehose.
„Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort“, lache ich.
Greta lacht auch. Philipp findet’s nicht ganz so komisch.

„Emma, wir müssen reden.“ Mum steht in der Tür meines Zimmers und knibbelt mit den Zähnen an der Unterlippe. Schlechtes Zeichen. Wenn Mum mit den Zähnen an der Unterlippe knibbelt, wird es meist unangenehm.
Sie weiß es, schießt es durch meinen Kopf, sie hat es rausgekriegt, das gibt Ärger. Wenn Mum was nicht vertragen kann, dann, dass ich ihr nicht die Wahrheit sage.
Aber ich habe nicht gelogen!, wappne ich mich innerlich schon mal auf das, was da zu kommen scheint. Ich habe niemals behauptet, dass ich keinen Freund habe. Ich habe nur nicht gesagt, dass ich einen habe. Das ist ein Riesenunterschied.
Mum geht langsam durchs Zimmer, schiebt meinen Schreibtischstuhl an die Couch und setzt sich seufzend. Noch schlechteres Zeichen. Lippenknibbeln und diese Art von Seufzen. In mir steigt die Panik. Wenn sie mir ein Kindermädchen vor die Nase setzt, zieh ich zu Papa. Oder ich lass mich von Gretas Mum adoptieren. Oder ich heirate Philipp.
Mum knibbelt an den Lippen, seufzt wieder und schaut mir tief in die Augen. Es wird immer schlimmer. Genauso hat sie ausgesehen, als ich vergessen hab, den Badewannenstöpsel zu ziehen und das ganze Badezimmer unter Wasser gesetzt habe. Genauso hat sie ausgesehen, als ich die erste Sechs in Physik nach Hause gebracht hab. Genauso hat sie ausgesehen, als ich mit Greta vor dem Eingang von Baustoffhandel Reifenberg die Zementsäcke entdeckt und ausprobiert hab, was passiert, wenn man den Inhalt mit Wasser mischt. Statt stolz auf eine experimentierfreudige Tochter zu sein, Lippenknibbeln, seufzen, tiefer Blick. Dann eine Woche Hausarrest. Ausgerechnet in der Woche, in der Greta 13 wurde und die erste Party mit Jungs machte. Hausarrest!
Wenn sie mir wieder Hausarrest gibt, weil ich ihr nichts von Philipp gesagt hab, kann ich nicht zur Grill-Party von Rachel am Samstag.
Ich sag’s ihr jetzt freiwillig, schießt mir durch den Kopf, vielleicht ist mit einem umfassenden Geständnis noch etwas zu retten. Dad ist Anwalt und sagt immer, dass die Strafe geringer ausfällt, wenn der Schuldige seine Schuld voll und ganz gesteht. Mum sieht mir immer noch in die Augen und räuspert sich. Okay, ich tu’s jetzt. Ich werde sagen, dass ich es ihr schon länger sagen wollte, dass ich aber den richtigen Zeitpunkt nicht gefunden habe. Dass ich wegen der Situation mit der Scheidung Rücksicht auf sie nehmen wollte. Dass ich sie nicht noch zusätzlich belasten wollte.
Meine Mutter seufzt ein drittes Mal, dann sagt sie gequält: „Emma, ich wollte es dir schon länger sagen, aber ich habe irgendwie den richtigen Zeitpunkt nicht gefunden.“
Hey, das war mein Satz!
„Und ich wollte auch wegen der Situation mit der Scheidung Rücksicht auf dich nehmen.“
Was läuft hier ab? Ich fühle mich wie im falschen Film. Oder im richtigen mit falscher Synchronstimme. Mum spricht meinen Text, nicht ihren. Gleich wird sie mir sagen, dass sie mich nicht noch zusätzlich belasten wollte.
„Ich wollte dich nicht noch zusätzlich belasten, Emma, weißt du“, sagt meine Mutter.
Ich raff es nicht.
Vielleicht sind wir in eine Zeitschleife geraten, denke ich. Vielleicht sind meine Mutter und ich, nachdem ich ihr die Sache mit Philipp gestanden habe, durch ein Wurmloch geflogen, ein paar Minuten früher als geplant in die Gegenwart zurückgekommen und während des Fluges haben sich unsere Körper vertauscht. Vielleicht bin in Wirklichkeit gerade meine Mutter! Der Gedanke ist so entsetzlich, dass er mir die Luft nimmt. Meine Mutter nimmt meine Hand in ihre. Wenn sie jetzt sagt: “Es tut mir so leid, Emma, aber ich bin seit fünfeinhalb Wochen mit Philipp zusammen“, fange ich an zu schreien.
Meine Mutter holt tief Luft: „Es tut mir so leid, Emma, aber wir müssen umziehen.“
„Was?“
Meine Mutter, die vielleicht ich ist, seufzt wieder. Ich, die ich vielleicht meine Mutter bin, kapiere gar nichts. Was hat das alles mit Philipp zu tun? Was hat das alles mit drohendem Hausarrest zu tun? Ich bin komplett verwirrt.
„Wenn ich meinen Job behalten will, werden wir umziehen müssen.“
Ganz ganz langsam ordnen sich meine Gehirnzellen neu. Ganz ganz langsam kapiere ich, dass meine Mutter gar nichts weiß von Philipp. Sie ahnt offensichtlich nicht mal was. Kein Hausarrest, doch Grillparty bei Rachel, und die Schuldige wird ihre Schuld ein bisschen später eingestehen. Gut, denke ich. Sehr gut. Umzug, kreist durch meinen Kopf. Auch gut, vielleicht ist in der nächsten Wohnung mein Zimmer größer als jetzt. Vielleicht liegt die neue Wohnung auch näher an Philipp. Er wohnt in Hamburg-Harvestehude und wir in der Neustadt, fast eine Viertelstunde mit dem Fahrrad entfernt, vielleicht kann ich Mum überreden, in sein Viertel zu ziehen.
„Meine Fluggesellschaft wird ihren Hauptstandort verlegen“, erklärt meine Mutter, während ich mir ausmale, wie ich vielleicht sogar in derselben Straße mit Philipp wohnen könnte, vielleicht sogar in Nachbarhäusern. Der Gedanke an Umzug fängt an, mir zu gefallen.
„Und deswegen werden wir nach Köln ziehen müssen.“
Rumms. Plötzlich herrscht Totenstille im Raum. Die Zeit bleibt stehen. Jede Bewegung hört auf.

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