Szene 2
Was bisher geschah: Emma liebt den Sommer, das Schwimmbad und das Leben. Vor allem weil sie seit 5 Wochen, 4 Stunden, 3 Tagen und 7 Minuten mit Herzensboy Philipp zusammen ist. Furchtbare Physikarbeiten, die Scheidung ihrer Eltern und der nächste Winter sind weit, weit weg. Doch dann, plötzlich und unerwartet, Neuigkeiten, die Emma nie für möglich gehalten hätte: Ihre Mum eröffnet ihr, dass sie beide von Hamburg nach Köln ziehen werden.
Emma ist todunglücklich über diese News. Ihre Mum will mit ihr darüber reden, aber Emma will nur weg. Bloß wohin? Zu Philipp? Viel zu weit! Zu Greta! Ihrer besten Freundin, „ihrer Mitheulerin bei sämtlichen schrecklich schnulzigen Liebesfilmen“. Doch nicht nur Emma hat Stress, auch Greta liegt im Clinch mit ihrer Mutter. (Gewinneridee von TanteAnna)
Mittlerweile ist Emma umgezogen, und was bis dahin noch genau passiert ist, bleibt vorerst das Geheimnis der Autorin.
Hier geht es weiter mit Szene 2:
Leise klopft es an der TĂĽr.
„Herein“, sage ich und sehe, wie die Klinke langsam heruntergedrückt wird. Philipp lugt ins Zimmer, ein Lächeln auf dem Gesicht, eine dampfende Tasse mit Kakao in der einen, ein leicht gebräunter Toast mit Kirschmarmelade in der anderen Hand.
„Frühstück für dich, mein Schatz.“
„Wie lieb von dir.“
Ich räkele mich wohlig. Seitdem wir zusammenwohnen, bringt Philipp mir jeden Morgen das Frühstück ans Bett und immer wieder freue ich mich, wie am ersten Tag.
Mit dem Ellbogen schließt er die Tür und kommt lächelnd näher. Er stellt die Tasse und den Toast auf das kleine Tischchen neben meinem Bett. Die braune Flüssigkeit fängt an, über den Rand der Tasse zu fließen, die rote Kirschmarmelade quillt an allen Seiten über den Toast. Erschrocken will ich nach Philipps Hand greifen, da entdecke ich, dass auch er sich verändert. Sein Gesicht verschwimmt, die Konturen lösen sich langsam auf. Oh Gott, was passiert da? Die Flüssigkeit aus der Tasse strömt jetzt auf den Boden wie aus einem geplatzten Waschmaschinenschlauch, während die Kirschmarmelade beginnt, an den Bettpfosten hoch- und über die Bettdecke auf mein Gesicht zuzukriechen. Philipp sieht inzwischen aus wie ein Geist, durchsichtig, sich auflösend, körperlos.
Ich fange hemmungslos an zu brüllen. „Hilfe, Hilfe, Hilfe!!!“
Die Tür öffnet sich, Mama kommt herein, setzt sich an mein Bett und streichelt über meine Stirn. Philipp ist verschwunden, mein Bett sauber.
„Wieder einer?“, fragt Mama besorgt.
„Wieder einer“, schluchze ich.
Seit vier Tagen wohnen wir in Köln, und seit vier Tagen habe ich jede Nacht Alpträume.
„Dieser hat zumindest gut angefangen“, sage ich und putze mir die Nase, „ich hab mit Philipp zusammengewohnt.“
Meine Mutter lächelt und streichelt mich weiter. „Hat er wieder gesimst?“, fragt sie.
Ich schaue auf mein Handy.
3 neue Kurzmitteilungen
blinkt es vom Display.
„Dreimal“, sage ich, und Mum nickt: „Siehst du, er denkt trotz der Entfernung von über 450 Kilometern an dich.“
Mum hat nach dem ersten Schock die Existenz von Philipp erstaunlich locker geschluckt. Ich wette, sie hatte ein mörderisch schlechtes Gewissen wegen der Sache mit dem Umzug. Sie hat mir, ohne dass ich etwas sagen musste, versprochen, dass ich mindestens einmal im Monat zu Papa nach Hamburg fahren und Philipp besuchen darf, und in sämtlichen Schulferien auch. Aber die nächsten Schulferien sind erst im Herbst.
Mum schaut auf den Wecker. „Es wird Zeit“, sagt sie, und schlagartig setzt wieder ein Panikgefühl ein.
Es verlässt mich nicht beim Frühstück, nicht auf dem Weg zur neuen Schule, nicht, als wir davor parken, nicht, als wir über den Pausenhof gehen, nicht, als Mum mich bei meiner neuen Klassenlehrerin, Frau Schwab, im Lehrerzimmer abliefert, nicht, als ich mit der vor meiner zukünftigen Klasse stehe.
„Guten Morgen, Frau Schwab“, tönt die ganze Klasse laut im Chor. Dann starren mich alle schweigend an. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie blöd man sich vorkommt, wenn man neben jemandem steht, der laut mit „Guten Morgen, Frau Schwab“ begrüßt wird und man selbst wird nur schweigend angestarrt. Die Blicke schwanken hin und her zwischen Ablehnung, Abschätzung und Neugierde.
„Emma kommt aus Hamburg und wird ab jetzt in eurer Klasse sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr ihr den Anfang leicht machen würdet.“
Direkt vor mir lächelt mich ein Mädchen an. Das tut gut. Ich lächele zurück, in dem Moment streckt sie mir die Zunge raus.
Frau Schwab tadelt: „Anna, das ist wirklich nicht nett von dir.“ Anna lächelt wieder sanft wie ein Reh, das niemandem etwas zuleide tun kann.
„Du kannst dich neben Roman setzen“, sagt Frau Schwab zu mir und deutet auf einen leeren Platz neben einem Jungen, der sofort das Gesicht verzieht.
Ich setze mich, Roman rückt seinen Stuhl demonstrativ weg und schnüffelt hörbar.
„Was stinkt denn hier so?“, zischt er leise zu einem Jungen hinter uns, leise genug, dass Frau Schwab es nicht hört, laut genug, dass ich es hören kann.
Der Junge hinter uns kichert vor sich hin: „Stinkt nach Fisch. Die von da oben heißen ja auch Fischkopf.“
Fischkopf??? Ich hasse meine Mutter dafür, dass sie mich in eine Gegend geschleppt hat, in der ich „Fischkopf“ heiße. In Hamburg hat niemand von Fischköpfen gesprochen.
Frau Schwab bespricht eine Matheaufgabe. Die Familien Meier, 2 Kinder, und Müller, 1 Kind, haben einen 14-tägigen Urlaub gemeinsam in einer Ferienwohnung an der Nordsee verbracht. Sie streiten um die Aufteilung der Kosten.
Roman schreibt unterdessen Zettelchen mit dem Jungen hinter ihm. Ich wette, es geht um mich.
Frau Schwab redet von proportionalen, antiproportionalen und linearen Zuordnungen. Da ich nicht die geringste Ahnung habe, worum es eigentlich geht, sehe ich mich unauffällig um. An den Wänden hängen Fotos von allen, darüber ein Spruchband mit den Worten: „Was will ich werden?“ Die Mädchen und Jungs tragen Stewardessen-Uniformen, Bäckermützen, sitzen an Computerbildschirmen, stehen hinter Verkaufstresen und in Chemielaboren. Offensichtlich mussten sie sich selbst in einem zukünftigen beruflichen Umfeld fotografieren. Roman sitzt in einem Flugzeug-Cockpit und drückt stolz auf irgendwelchen Knöpfen herum. Ich bin sicher, meine Mutter hätte ihn nicht ins Cockpit gelassen.
Anna sitzt, eine Peitsche fest in der Hand, auf einem Pferd, das auf einem Hindernissparcour vor einem Wassergraben steht. Offensichtlich ist sie noch im „Ich-finde-Pferde-ganz-toll-Alter“.
Nachdem ich mir alle Fotos ausgiebig angeschaut, Frau Schwab erklärt habe, dass wir in Hamburg in Mathe ganz woanders waren, und eine komplette Doppelstunde den Streit zwischen den Familien Meyer und Müller über das Bezahlen der Ferienwohnung ertragen habe, ist endlich Pause. Erleichtert gehe ich auf den Schulhof und setze mich in einer Ecke auf eine Bank. Erleichtert bin ich nicht lange. Es dauert keine Minute, da lässt sich Roman neben mich fallen. Das bemerkt Anna, die sich keine fünf Sekunden später an meine andere Seite pflanzt.
„Na, Emma, erzähl doch mal, was man so als Fischkopf drauf hat“, sagt Roman und grinst zu Anna, die sich gemütlich zurücklehnt und die Arme verschränkt. „Genau. Mach mal!“