Szene 10
Was bisher geschah: Emma hat einen hartes Jahr. Zuerst die Scheidung ihrer Eltern, dann der Umzug vom Hamburg nach Köln. Weg von Philipp, ihrer großen Liebe, weg von Greta, ihrer besten Freundin. Der erste Schultag ist eine Katastrophe, keine Freunde, unbekannter Unterrichtsstoff, und Roman und Anna, zwei von Emmas neuen Mitschülern, betiteln sie als Fischkopf und scheinen sie nicht leiden zu können. Als Emma heimlich, ohne das Wissen ihrer Mutter, nach Hamburg fährt, überrascht sie Philipp knutschend mit einer Anderen. Und Greta hat von Philipps Neuer gewusst, ohne Emma etwas zu sagen. Niedergeschmettert fährt Emma zurück nach Köln. Greta fährt ihr hinterher und steht mitten in der Nacht vor Emmas Tür. Die beiden Freundinnen vertragen sich wieder.
Doch ein neuer Schock erwartet Emma ausgerechnet an ihrem 15. Geburtstag: Ihre Mutter hat einen neuen Freund. Parallel dazu entdeckt Anna, dass ihr Vater fremdgeht. Als die beiden Mädchen feststellen, dass sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, freunden sie sich an.
Ein paar Wochen später verknallt sich Emma Hals über Kopf in einen Jungen, der auf faszinierende Weise auf dem Schulhof tanzt und schreibt einen Liebessong für den Unbekannten.
Ausgerechnet da bekommt sie ĂĽberraschenden Besuch von Philipp, der wieder mit Emma zusammen sein will. Emma spĂĽrt, dass ihre Zeit mit Philipp endgĂĽltig vorbei ist und lehnt ab.
Der Schulhoftänzer, der, wie die Mädchen erfahren, Alex heißt, lädt die beiden zum Tanzworkshop in seine Danceschool ein. Emma und Anna entpuppen sich nicht gerade als Tanz-Genies und Alex bietet den beiden am Ende an, ihnen am nächsten Tag beim Einüben der Choreografie zu helfen. Mit einem Tag Verzögerung durch einen EGA-Tag (Emma-Greta-Anna-Tag) in Düsseldorf, steht nun das Tanzdate an.
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Herz in die Hose gerutscht, Magen in die Kehle gestiegen, Knie ersetzt durch Zitteraale. Mein Körper, das unbekannte Wesen.
„Du bist blass“, sagt Anna.
„Gott sein Dank, wenigstens kein Tomatenalarm.“
Es ist kurz vor drei, Anna und ich stehen auf dem Schulhof und warten. So sehr ich mich auf dieses Treffen gefreut habe, so sehr hab ich auch davor gezittert. Meine Gebete sind nicht erhört worden. Ein unerwartetes Erdbeben, ein Meteoriteneinschlag oder zumindest das Auftauchen eines Ufos hätten mich von diesem Termin erlösen können. Aber die Kontinentalplatten hielten still, die Atmosphäre hat auch das kleinste Bröckchen aus dem All verglühen lassen und kein Außerirdischer wollte mich entführen. Es ist drei Minuten vor drei, und es regnet nicht einmal. Herrliche Spätherbstsonne strahlt über Köln. Anna und ich tragen die neu erstandenen Dance-Sneakers, haben die weitesten Hosen und die längsten T-Shirts, die wir besitzen, aus unseren Schränken gekramt. Wir sehen aus wie coole Hip Hopper.
„Emma-Liebling“, hat meine Mutter eben gesagt, „ich weiß, dass du deinen Vater vermisst, aber musst du deswegen alte Sachen von ihm auftragen?“
Sie hat einfach keine Ahnung. Sieht man ja schon an Malte.
Der große Zeiger der Pausenhofuhr springt auf die zwölf, Alex biegt um die Ecke.
„Der ist so pünktlich, dass es fast schon langweilig ist“, flüstert Anna in mein Ohr.
„Hi, Alex“, brüllt sie dann mit unfassbarer Lautstärke.
Mein Ohr pfeift und verabschiedet sich beleidigt von seinen Aufgaben.
„Hallo, ihr zwei“, sagt Alex, holt eine kleine Lautsprecherbox aus seiner Tasche, schließt seinen MP3-Player an und schon ertönt Musik über den Schulhof.
„Aufwärmen“, befiehlt Alex wortkarg, und beginnt routiniert ein Aufwärmprogramm, das mich nach zehn Minuten schweißgebadet hinterlässt, aber immerhin den Vorteil hat, dass meine Organe wieder da sitzen, wo sie sitzen sollen, meine Knie wieder fest sind und mein Ohr das Pfeifen eingestellt hat.
„Gut.“ Alex nickt Anna und mir zu und beschäftigt sich mit seinem MP3-Player.
Sehr gesprächig ist unser Tanzlehrer heute nicht, aber mir ist das recht. So lange er nichts fragt, kann bei mir keine Befehlsverweigerung des Sprachzentrums einsetzen. Aus den Boxen ertönt jetzt unbekannte Musik.
„Bevor wir zur Choreo kommen“, sagt Alex, „möchte ich euch ein bisschen besser kennen lernen.“
Ich dich auch, denke ich und bin froh, dass man Gedanken und GefĂĽhle nicht lesen kann.
„Bitte hört euch die Musik gut an. Ich werde den Song ein paar Mal spielen und dann möchte ich, dass ihr mir tanzend eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte aus eurem Leben vielleicht, oder eine ausgedachte, egal. Sie soll nur zur Musik passen und eure Bewegungen sollen ausdrücken, was ihr empfindet. Ich möchte Gefühle sehen.“
Herz und Magen bewegen sich ruckartig wieder Richtung Knie beziehungsweise Kehle, die Zitteraale schwimmen heran. Was fĂĽr eine Geschichte denn?
„Geil“, sagt Anna, „wie in Popstars.“
Die Musik ist ruhig, nur instrumental, kein Gesang, zuerst ein bisschen melancholisch, dann wird sie schneller, rhythmischer, abgehackter, um am Ende ganz langsam immer leiser zu werden und irgendwo in den Tiefen des Schulhofs zu verschwinden. Sie klingt kühl und doch irgendwie leidenschaftlich. Je öfter wir sie hören, desto mehr gefällt sie mir.
„Ich fang an“, sagt Anna, als Alex den Song das sechste oder siebte Mal spielt. Sie lässt sich auf den Boden fallen, legt sich auf die Seite, zieht Arme und Beine an, sieht aus wie ein kleiner Embryo im Mutterleib und beginnt dann ganz langsam, mit anfangs sehr unsicheren, immer sicherer werdenden Bewegungen, die Welt zu erobern. Immer wieder gelingt das Aufstehen nicht, immer wieder verzweifelt sie. Aber immer wieder versucht sie es erneut, bis sie am Ende aufrecht dasteht und die Arme ausbreitet. Eine beeindruckende Vorstellung.
„Nicht schlecht“, sagt Alex, „für den Anfang. Jetzt du!“
Befehlsverweigerung und Tomatenalarm überfallen mich kurz, aber dann weiß ich plötzlich, was ich tanzend erzählen möchte. Und mein Körper macht mit einem Mal fast alles von allein. Er erzählt vom Glück mit Philipp, von unseren wunderbaren ersten Wochen miteinander, mit großen, raumumgreifenden Bewegungen, dann, als die Musik schneller, abgehackter wird, der Schock in Hamburg, der Schmerz, die Verletzung, die Wut, die Trauer, meine Bewegungen werden wilder, unkontrollierter, erfüllt von Empörung und Aggression, ich fühle noch einmal, was ich alles durchgemacht hab, und dann kann ich loslassen, Philipp gehen lassen, ihn verabschieden, sogar, ganz am Schluss, als die Musik fast unhörbar geworden ist, ihm verzeihen und ihm alles Gute auf seinem Weg wünschen.
Einen Moment herrscht atemlose Stille auf dem Schulhof.
„Wow“, sagt Anna.
„Okay“, sagt Alex.
Ich bin noch ganz benommen, während Alex anfängt, uns die Schritte der Choreo zu zeigen.
Er ist wirklich ein guter Coach. Sieht, wo wir Schwächen haben, unterstützt uns bei Unsicherheiten, lobt unsere Stärken. Was für ein cooler Typ er doch ist, denke ich und spüre, dass das blöde alte nicht wegwischbare Grinsen sich wieder auf mein Gesicht schleicht.
„Genug für heute“, sagt Alex, nachdem wir vielleicht die Hälfte der Choreo ganz gut drauf haben, wie ich finde. „Wenn ihr wollt, geht’s morgen weiter. Gleiche Zeit, gleicher Ort.“
Wir wollen!
Kaum ist Alex verschwunden, lassen Anna und ich uns erschöpft auf unsere Bank fallen.
„Das war gut“, sag ich.
„Das war megagut“, sagt Anna.
„Alex ist super“, sag ich.
„Alex ist megasuper“, sagt Anna.
„Ich bin so verliebt“, sag ich.
„Ich auch“, sagt Anna.