Mission... ein bisschen schiefgelaufen!

Bild von Sonea

„Nimm es weg!“, schrie sie, schlug mit den Händen durch die leere Luft und verzog angstvoll das Gesicht. „Es saugt, Rachel, es saugt!“
„Schsch“, entgegnete ich ruhig. „Alles wird gut, keine Sorge. Noch ein paar Tage und du bist wieder fit wie ein halogenisierter Turnschuh!“ Ich schenkte meiner kleinen Schwester einen liebevollen Blick und deckte sie behutsam zu.
„Es will mich aussaugen“, flüsterte Cindy und sah mich aus großen Äuglein an, „es will mich töten!“

Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl herum. „Engel, da ist nichts. Du musst noch ein bisschen schlafen, ja? Dann bist du bald wieder auf den Beinen.“ Sanft gab ich ihr einen Kuss auf die blasse Stirn und stand auf. „Morgen komme ich wieder, okay?“
Auf Zehenspitzen trippelte zur TĂĽr, um die Zimmergenossin nicht zu wecken. Es war eine Frau in den Jahren
nach den besten Jahren – sie sah alles andere als gesund aus.
Cindys riesige, angsterfüllte Kulleraugen folgten mir durch den Raum. „Lass mich nicht allein mit ihnen! Sie kommen wegen der Frau… aber sie kommen auch zu mir! Lass mich nicht allein!“, flehte sie.
Unauffällig warf ich einen Blick auf die Miniatur-Uhr an meinem Zeigefinger. In 3 Minuten würde der in 5 Dimensionen simulierte Film anfangen!
Ich lächelte Cindy noch einmal zärtlich zu und flüsterte: „Hab keine Angst. Ich lasse dich nicht allein. Ich bin doch immer bei dir. Aber jetzt muss ich wirklich los.“
Dann schlĂĽpfte ich aus dem Raum und schloss die TĂĽr leise hinter mir.

***

Mit einem Schlag bin ich hellwach.
„Cindy“, will ich rufen, doch in meiner Brust ist keine Luft mehr, nur Schmerz.
Sie ist fort. Wie jeden Tag lässt die Erkenntnis mein Herz erneut stillstehen.
Sie ist fort. Sie haben sie getötet. Und all das nur wegen mir. Weil ich eine schreckliche Egoistin war. Weil ich ihr nicht vertraut habe.
Noch in der Nacht, in der ich ihr versicherte, dass alles gut werden würde, hörte sie auf zu atmen. Einfach so.
Für die Ärzte war es ein Rätsel, ebenso für mich.
Blind vor Trauer, vor Wut, bin ich gerannt, einfach nur gerannt, bis in die verbotenen Bereiche des Krankenhauses. Giftige Dämpfe waberten aus unzähligen Rohren und Gefäßen und benebelten meinen Kopf, doch ich rannte weiter, rannte – und dann sah ich sie plötzlich überall. Auf Schränken, an der Wand, unter der Decke, in den Ecken, ja, sogar auf den Betten der Patienten. Von überall starrten sie mich aus riesigen, glänzenden Augen an.

Sie haben Cindy getötet.
Der Satz pulsiert in meinem Kopf, wieder und wieder. Sie haben Cindy getötet. Sie haben mir alles genommen. Nun habe ich nichts mehr und bin nichts mehr, im wahrsten Sinne des Wortes. Offiziell existiere ich nämlich nicht einmal mehr.
Jeder sponsorlose Jugendliche, der es über die Grenzen nach Booshka schafft, wird als ‚tot’ abgestempelt – aber besser tot als in irgendeinem Waisenheim für familiär gefährdete Mädchen.
Cindy, Versuchskaninchen einer neuen Generation von genmanipulierten Kindern, wurde von der Bartoli-Klinik gesponsert. Ich wurde dort nur geduldet, weil wir ein Herz und eine Seele waren. Wir hatten nicht viel… doch irgendwie waren wir glücklich.

„Wach?“ Der knallpink gefärbte Haarschopf von Nicci taucht über dem Schrottberg auf, den ich als Schutz neben meinem Schlafplatz errichtet habe.
Ich nicke schweigend und zwinge mich, aus dem alten Thermo-Schlafsack zu kriechen.
„Gleich geht es lo-hos!“, trällert die Pussy und zwinkert mir zu.
Seufzend klettere ich über den Schrottberg und werfe einen Blick um die Straßenecke – prompt fliegt schon die erste Flasche in meine Richtung.
„Ham wohl schon ein bisschen vorgeglüht“, murmelt Nicci schulterzuckend, während ich zurück zu meinem Schlafplatz klettere.
Die Gangs sind schon in heißer Stimmung – es wird Zeit, mich vorzubereiten.
Aber nicht fĂĽr ein Rennen, nein. Autos waren noch nie wirklich mein Ding. Ăśberhaupt war das alles hier nie wirklich mein Ding, dieser ganze Bandenkram, dieses In-Schubladen-Stecken.
FĂĽr mich gilt nur noch das Eine: Rache.
Ich will diese widerlichen blauen Viecher ohne Erbarmen niedermetzeln wie Fliegen, am besten 100 auf einmal. Ich will nicht aufhören, bis ich so viele von ihnen umgelegt habe, wie ich zählen kann.
Das einzige Problem: Wie, zum Teufel, legt man so ein Monster um? Vermutlich nicht mit Karate-Tricks. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht die geringste Ahnung, wie. Aber es gibt Leute, die wissen, wie man es anstellt. Ich habe sie gesehen, nachts auf den Dächern von Booshka, wo sie Jagd auf die grausamen Tiere machen. Und sofort habe ich es kapiert: Ich muss zu ihnen. Ich muss mich ihnen anschließen. Ich will mit ihnen kämpfen.
„Das Rennen wird bestimmt toll!“, haucht Nicci und spielt mit ihren rosanen Zöpfen herum, „erinnerst du dich noch an den einen Bulldog? Hatte der nicht ein scharfes Tatoo?!“
„Jaja“, antworte ich und lächele ihr aufmunternd zu.
„Geh doch schon mal vor und schnapp ihn dir!“
Und das Unglaubliche passiert: Sie verschwindet wirklich Richtung Rennhalle.
verstohlen blicke ich mich um und ziehe vorsichtig mein wertvolles Massel-Messer aus einem versteckten Fach am FuĂźende des Thermo-Schlafsacks. Und dann ist der Moment gekommen: Es geht los.

***

Mit zitternden Knien klettere ich die quietschende Notfallleiter Schritt für Schritt hoch. Ganz langsam, Sprosse um Sprosse, ganz langsam… und auf einen Schlag endet die Leiter.
Bevor meine Kehle auch nur den kleinsten Schrei herausgebracht hat, liege ich auch schon auf dem flachen Dach.
Keuchend hole ich Luft. Mein Plan ist simpel und – hoffentlich – wirkungsvoll. Ich werde warten, bis die Monster-Bekämpfer kommen, dann werde ich mir eins dieser heimtückischen Viecher vornehmen und es abmurksen. Danach werde ich locker zu ihnen herübermarschieren mit einem toten Ungeheuer auf dem Rücken. Und dann können sie doch gar nicht mehr anders, als mich aufzunehmen, oder?
Ich atme noch einmal tief durch, dann wage ich einen Blick gen Himmel – und mein Herz bleibt augenblicklich stehen. Das da oben, das ist kein Himmel mehr! Das ist ein unendliches Meer blauer, grässlicher Wesen mit schimmerndem Licht in den Adern! Ich schlucke nervös, aber ich bin nicht gekommen, um jetzt wieder umzukehren!
Heute werden blaue Fetzen fliegen.
Ohne lange zu zögern, ziehe ich das Massel-Messer aus meiner Hosentasche. Wenn es etwas gibt, das die blauen Tiere anzieht, dann ist es Blut. Denn wo Blut ist, ist eine Verletzung und wo eine Verletzung ist, da ist Schwäche.
Ganz sanft fahre ich mit der scharfen Klinge ĂĽber meinen Daumen und sofort sprudeln die ersten Tropfen.
„Hallo, ihr Viecher, hier bin ich! Lecker, lecker, Blut!“, brülle ich in den von Monstern verstopften Nachthimmel und wedele mit den Armen. Sofort wenden sich mir 20 ausdruckslose, riesige Augen zu.
Erster Gedanke: Juchu, es funktioniert!
Langsam aber sicher schweben die bösartigen Wesen auf mich zu und umzingeln mich.
Zweiter Gedanke: Oh-oh. Nicht gut! GAR nicht gut!

Dann geht alles ganz schnell. Das erste Monster landet auf meiner Schulter, das zweite direkt daneben, ein weiteres klammert sich von hinten an meinem RĂĽcken, noch eines macht es sich auf meinem Kopf bequem. Wie eine Furie schlage ich mit dem Messer um mich, doch es kann den Dingern nichts anhaben! Sie krallen sich fest an mir, so sehr ich mich auch schĂĽttele, heiĂźe Panik kocht in meinem Bauch und meine Hiebe werden immer verzweifelter.
Ich versuche verbissen, ein Tier von meiner Schulter zu zerren, aber es rutscht mir mit seiner glatten Haut einfach aus den Händen!
Währenddessen kommen immer mehr Monster angeflogen, klammern sich an mir fest, sehen mich aus ihren Glubschaugen so möchtegern-harmlos an. In letzter Verzweiflung schmeiße ich mich auf den Boden, doch darauf scheinen sie nur gewartet zu haben. Sie stürzen sich allesamt auf mich, wollen alle ihre winzigen blauen Fingerchen über meine Brust halten.

„Nimm es weg!“, schreit Cindy in meinem Kopf, „es saugt, Rachel, es saugt!“
Das Bild meiner Schwester beflĂĽgelt mich zu einem letzten verzweifelten Abwehrversuch, doch es sind einfach zu viele.
„Cindy, ich komme…“, flüstere ich und ein riesiger Kloß sitzt plötzlich in meiner Kehle.

Mit einem Mal scheint das Wesen direkt vor meinem Gesicht satt zu sein. Es fängt an, hell zu glühen, bäumt sich auf – und zerplatzt in 100 kleine Bläschen. Kaum einen Sekundenbruchteil später saust ein Blitz durch die anderen gierigen Tiere und löst 5 weitere zu kleinen Blasen auf.
Durch den Blasenregen sehe ich auf einmal ein junges Mädchen, das eine riesige Schusswaffe geschultert hat. Gekonnt legt sie an und bläst auch die restlichen Viecher mit blauen Blitzen von meiner Brust. Dann rennt sie zu mir.
„Alles klar?“, keucht sie.
„Es geht mir guuut“, lalle ich und hebe den Kopf ein Stück an „da ist nur iiirgendwas schief gelaufen.“ Mit einem leisen ‚Plonk’ fällt mein Kopf aufs Dach zurück.
Mit letzter Anstrengung sage ich noch den schlausten Satz, zu dem mein strapaziertes Hirn gerade fähig ist: „Kann ich bei euch mitmachen? Diese blauen Dinger da abschießen?“
Ich sehe noch ein leicht verwirrtes Lächeln des dunkelhäutigen Mädchens, dann wird alles schwarz um mich.

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