Leseprobe Nr. 1: Satellite City & das Waisenhaus
Satellite City. Die Stadt der Zukunft, verkündeten die Reklametafeln. Eine Metropole, die vollständig vom Myishi-9-Satelliten gesteuert wurde, der wie ein schwebendes Kriegsschiff am Himmel hing. Eine ganze auf das dritte Jahrtausend zugeschnittene Stadt, die alles bot, was der Körper begehrte, und nichts, was die Seele brauchte. Achthundert Quadrat¬kilometer grauer Stahl und Fahrzeuge aller Art.
Satellite City. Eine Supercity für fünfundzwanzig Millionen Einwohner, und jeder davon mit einer Geschichte, die herzzerreißender ist als die des anderen. Wer auf immerwährendes Glück aus ist, sollte sich von der Stadt der Zukunft fernhalten.
Man nehme nur Cosmo Hill, einen eigentlich recht netten Jungen, der sich in seinem kurzen Erdendasein nie etwas hatte zuschulden kommen lassen. Leider reichte das nicht für ein glückliches Leben, denn Cosmo Hill hatte keinen Sponsor. Und wer in Satellite City keinen Sponsor hatte und seine leiblichen Eltern nicht anhand der öffentlichen DNS-Datenbanken nachweisen konnte, wurde in ein Waisenhaus gesteckt. Dort blieb man offiziell bis zur Volljährigkeit. Allerdings war man bis dahin entweder tot, oder das Waisenhaus hatte einem ein Vorstrafenregister angedichtet, sodass man an ein privates Arbeitslager verkauft werden konnte.
Vierzehn Jahre bevor wir hier den Faden der Geschichte aufgreifen, wurde Baby Cosmo in einem Kirschpizza-Karton auf dem Cosmonaut Hill in Moscowtown gefunden. Die Staatspolizei nahm von ihm einen DNS-Abstrich, glich das Ergebnis mit den Datenbeständen des Satelliten-Großrechners ab und fand nichts. Das war nichts Ungewöhnliches. Jeden Tag tauchten in der Stadt Waisen auf. Der frisch auf den Namen Cosmo Hill getaufte Junge wurde in einen Impfbottich getunkt und in der Röhre zum Clarissa-Frayne-Heim für familiär gefährdete Jungen geschickt. Als Frachtgut.
In Satellite City gab es keinerlei sozialen Einrichtungen, deshalb waren alle Institutionen gezwungen, sich selbst zu finanzieren – auf jede erdenkliche Weise. Das Clarissa-¬Frayne-Heim hatte sich auf Produkttests spezialisiert. Mussten neu designte Lebensmittel oder pharmazeutische Produkte erprobt werden, stellte das Waisenhaus die ihm Anvertrauten als Versuchskaninchen zur Verfügung. Wirtschaftlich gesehen, war das eine äußerst sinnvolle Lösung. Die Waisen wurden gefüttert und sauber gehalten, und das Heim verdiente auch noch gutes Geld damit.
Cosmos Schulausbildung erfolgte durch Unterrichts-Software, seine Zähne waren weißer als weiß, sein Haar glänzte geschmeidig und war absolut schuppenfrei, sein Inneres aber fühlte sich an wie mit einer radioaktiven Drahtbürste geschrubbt. Irgendwann wurde Cosmo klar, dass er im Waisenhaus langsam umgebracht würde. Es war an der Zeit abzuhauen.
Um dem Heim zu entkommen, gab es nur drei Möglichkeiten: Adoption, Tod oder Flucht. Die Wahrscheinlichkeit, in seinem Alter noch adoptiert zu werden, lag bei null. Trotzige Teenager waren bei der kinderlosen Mittelschicht nicht besonders beliebt. Jahrelang hatte er sich an den Traum geklammert, dass jemand ihn haben wollte; mittlerweile musste er den Tatsachen ins Auge sehen.
Der Tod war sehr viel einfacher zu bewerkstelligen. Dazu musste er weiterhin nur das tun, was man ihm sagte, und in einigen Jahren würde sein Körper den Dienst quittieren. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines in einer Anstalt untergebrachten Waisen lag bei fünfzehn Jahren. Cosmo war vierzehn. Es blieben ihm also keine zwölf Monate mehr, bevor, statistisch gesehen, seine Zeit um war. Zwölf Monate noch, um sich einen Plan für die letzte Möglichkeit auszudenken. Die einzige Chance, das Heim lebend hinter sich zu lassen: Flucht.
Im Clarissa-Frayne-Heim für familiär gefährdete Jungen verlief jeder Tag gleich. Tagsüber Plackerei, nachts unruhiger Schlaf. Es gab keine freien Tage, kein Jugendschutzgesetz. Jeder Tag war Werktag. Die Aufseher ließen die Waisen so hart schuften, dass die meisten Jungen um acht Uhr abends im Stehen einschliefen und von ihren Betten träumten.
Cosmo Hill war die Ausnahme. Wenn er nicht schlief, verging kein Augenblick, in dem er sich nicht nach dieser einen Chance umsah: diesen Bruchteil einer Sekunde, in dem jenseits einer unverschlossenen Tür, eines unbewachten Zauns die Freiheit auf ihn wartete. Dann musste er bereit sein, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und sich davonzumachen.
An jenem Tag sah es nicht danach aus, als könnte sich diese Chance ergeben. Und selbst wenn, dann hätte er wohl kaum noch die Kraft zur Flucht aufgebracht.
Die sponsorlosen Jungen hatten den gesamten Nachmittag eine neue Deodorant-Reihe getestet. Ihnen waren die Beine rasiert und mit Klebebändern streifenweise in einzelne Abschnitte unterteilt worden. Zwischen den Streifen wurden fünf unterschiedliche Deodorants auf die Haut gesprüht, dann mussten die Jungen auf ein Laufband. An den Beinen angebrachte Sensoren überwachten die Schweißdrüsenfunktion und ermittelten, welches Spray am wirkungsvollsten war. Am Ende des Tages hatte Cosmo zehn Kilometer zurückgelegt, die Hautporen an seinen Beinen waren entzündet und brannten. Fast war er froh, als er für den langen Rückweg zum Heim an seinen Partner gekettet wurde.
Aufseher Redwood scheuchte die Jungen in den Schlafsaal. Redwood glich einem gewachsten Gorilla, wäre nicht seine rote Stirnlocke gewesen, an der er ständig herumfummelte.
»Also, Jungs«, sagte er, während er ein Handschellenpaar nach dem anderen aufschloss, »heute Abend läuft ein wichtiges Spiel, das ich auf jeden Fall sehen will. Ich habe sogar ein paar Dinar darauf gesetzt. Wenn ihr also wisst, was gut für euch ist …«
Mehr brauchte Redwood gar nicht zu sagen. Die Jungen wussten, dass einem Aufseher hundert legale – und tausend illegale – Möglichkeiten zur Verfügung standen, um einem Sponsorlosen das Leben zur Hölle zu machen.
Cosmos Chance ergab sich gleich am darauffolgenden Tag während eines Routinetransfers. Vierzig Sponsorlose, unter ihnen Cosmo, hatten den Tag bei einem Musikkonzern verbracht. Sie hatten sich geplante TV-Spots für computergenerierte Pop-Gruppen angesehen und anschließend einen sechzig Kilobyte schweren Fragebogen ausgefüllt. Welcher Sim-Sänger gefiel dir am besten? Welcher Sim-Performer war cool? Cool? Sogar die Computer des Konzerns waren von vorgestern. Kids sagten nur noch selten »cool«. Cosmo las kaum die Fragen, bevor er mit seinem Digitalstift die Kästchen ankreuzte. Musik, die von richtigen Menschen gemacht wurde, war ihm lieber als Pixel-animierter Pop. Aber niemand beschwerte sich. Einen Tag lang Musikvideos anzusehen war tausendmal besser als chemische Tests.
Die Frayne-Aufseher luden die Sponsorlosen nach der Sitzung in einen Bus. Der Wagen musste hundert Jahre alt sein, er hatte sogar noch richtige Gummireifen statt Plastiklaufflächen. Cosmo wurde mit Ziplock Murphy als Handschellen-Partner zusammengeschlossen. Ziplock war okay, außer dass er zu viel redete. So war er auch zu seinem Spitznamen gekommen. Einmal hatte der irische Junge zu viel zur falschen Person gesagt, darauf war ihm mit Superkleber ein Ziplock-Beutel auf den Mund gepappt worden. Es hatte Wochen gedauert, bis die Blasen abgeheilt waren.
Cosmo lehnte die Stirn gegen die Scheibe und betrachtete die Stadt hinter dem Glas. Sie befanden sich in den Neubauvierteln und rauschten an grauen Apartmentblocks vorbei; Gebäuden aus Masseleisen, weshalb Satellite City von den Einheimischen auch Big Massel genannt wurde. Wobei das Material kein richtiges Masseleisen war, sondern superhartes Polymer auf Stahlbasis, das im Sommer kühl und im Winter warm bleiben sollte, aber genau die gegenteilige Wirkung erzielte.
Der Bus erbebte fürchterlich. Jemand war ihnen hinten reingerauscht.
Redwood wurde auf die Plastikplanken des Bodens geschleudert.
»Hey, was ist dort oben los?«
Cosmo reckte sich, so weit es die Handschellen zuließen, und verschaffte sich einen Überblick. Der Pilot war aufgesprungen und hackte wiederholt seinen Code in die Uplink-Konsole.
»Der Satellit. Wir haben die Verbindung verloren!«
Keine Verbindung! Das hieß, sie hatten keinen Transportplan und waren auf dem überfüllten Highway ganz auf sich allein gestellt. Als wären sie eine Elritze in einem Haifischbecken. Erneut wurden sie gerammt, diesmal seitlich. Flüchtig erhaschte Cosmo einen kleinen Lieferwagen, der mit verbeulter Stoßstange vom Highway abkam.
Redwood rappelte sich auf.
»Geh auf Handsteuerung, du Stümper. Setz dich ans Lenkrad!«
Der Pilot wurde blass. Lenkräder wurden nur noch in ländlichen Gebieten oder bei den illegalen Drag-Rennen im Booshka-Viertel benutzt. Höchstwahrscheinlich hatte er in seinem Leben noch kein Lenkrad in der Hand gehabt. Die Entscheidung wurde dem unglücklichen Mann allerdings abgenommen, als eine rotierende Reklame-Drohne frontal in sie hineinkrachte und den Führerstand wie eine Ziehharmonika zusammenschob. Der Pilot verschwand in einem Gewirr aus Glas und Drähten.
Der Aufprall war gewaltig, der Bus wurde aus seiner Rille gerissen und auf die Seite geworfen. Cosmo und Ziplock, durch die Handschellen an ihren Sitz fixiert, baumelten in der Luft. Redwood und die anderen Aufseher wurden wie Blätter im Sturm davongeweht.
Cosmo konnte nicht sagen, wie viele weitere Fahrzeuge mit dem Bus kollidierten. Irgendwann verschmolzen die einzelnen Zusammenstöße miteinander wie die letzten Schläge eines rasenden Drum-Solos. Riesige Beulen tauchten in der Seitenverkleidung auf, begleitet von nachhallenden Donnerschlägen. Jede einzelne Fensterscheibe barst und ließ einen kristallenen Regenbogen niedergehen.
Cosmo klammerte sich an den Sitz. Was sollte er sonst tun? Neben ihm ertönte Ziplocks hysterisches Lachen, fast so schneidend wie die Glassplitter.
»O Mann, das ist es!«, schrie der irische Junge.
Der Bus schlitterte halb um die eigene Achse, pflügte sich durch den Teer, hinterließ eine dreißig Meter lange Furche und schrammte funkensprühend vom Highway. Schließlich, nachdem sie durch die Glasscheibe des China-Restaurants Der Bart des Drachen gekracht waren, kamen sie zum Halt. Scharfe Gerüche nach Ingwer und Sojasauce vermischten sich mit dem Gestank von Motorenöl und Blut.
Cosmo setzte einen Fuß auf den Fensterrahmen und nahm das Gewicht von den Armen.
»Ziplock! Francis, alles in Ordnung?«
»Ja, bin noch da.« Der Junge klang enttäuscht.
Im gesamten Bus waren das Stöhnen und die Hilferufe der Sponsorlosen zu hören. Manche waren verletzt, einige davon ziemlich übel. Die Aufseher waren zum größten Teil außer Gefecht gesetzt oder starrten auf ihre Gliedmaßen, die in befremdliche Richtungen wegstanden. Vorsichtig betastete Redwood seine anschwellende Nase.
»Ich glaube, sie ist gebrochen«, ächzte er. »Agnes wird begeistert sein.«
»Na«, kam es von Ziplock, der genau über Redwood hin und her schlenkerte. »Jedes Unglück hat auch eine gute ¬Seite.«
Redwood erstarrte. Er kauerte wie ein Pitbull auf allen vieren, ein praller Blutstropfen glitt aus seinem Nasenloch und fiel durch den leeren Fensterrahmen.
»Was hast du da gesagt?«, erwiderte der Aufseher bedächtig, damit jedes Wort auch deutlich zu verstehen war.
»Halt den Mund, Ziplock. Wenn dir was passiert, häng ich mit drin!«
»Okay, okay! Ich hab gar nichts gesagt, Aufseher. Überhaupt nichts.«
Aber es war zu spät.
»Ich hab euch befohlen, stehen zu bleiben, aber ihr wolltet ja nicht hören.« Redwood seufzte übertrieben und pfiff leicht durch die Nase. »Mir blieb also nichts anderes übrig, als euch einzuschweißen.«
Einschweißer, so nannten die Sicherheitsleute die Zellophanviruspatronen, mit denen sie ihre Gasdruckstäbe luden. Traf das Geschoss einen festen Gegenstand, wurde das Virus freigesetzt, das das Zielobjekt mit einer enganliegenden Zellophanhülle umschloss. Die Hülle war so weit porös, dass der Eingeschlossene noch flach atmen konnte, legte sich aber so fest um den Körper, dass es manchmal zu Rippenbrüchen kam. Auch Cosmo war schon mal eingeschweißt worden. Daraufhin hatte er eine Woche lang in einem Gipskorsett verbracht.
Cosmo stieß Ziplock mit dem Ellbogen zur Seite.
»Aufseher Redwood, Sir. Francis hat sich nichts dabei gedacht. Er ist ein Idiot. Ich werde ihn mir vornehmen. Lassen Sie mich das machen. Kümmern Sie sich um Ihre Nase.«
Redwood patschte Cosmo auf die Wange. »Eine Schande, Hill, ich hab dich nämlich immer gemocht. Du gehörst eher zu den Fügsamen. Aber leider kommt es im Krieg nun mal zu Kollateralschäden.«
Der Aufseher beugte sich vor und steckte seine Magnetkarte in den Sicherungsring. Die Jungen fielen zwei Meter zu Boden und knallten auf den Teppich aus Glassplittern.
Redwood zog seinen Stab und überprüfte die Kammer.
»Ich bin kein Unmensch«, sagte er. »Ihr habt zwanzig Sekunden.«
Cosmo schüttelte das Glas von seiner Kleidung und zog Ziplock auf die Beine. Das war sie. Seine Chance. Es ging um Leben oder Tod.
Leseprobe aus: Eoin Colfer, COSMO HILL - Der Supernaturalist. Übersetzt von Karl-Heinz Ebnet
(c) 2008 by List Verlag

