Abschiedsbrief

Bild von Babsi

Trisha Appleton war wie alle im Emmilton-James–Heim für familiär gefährdete Mädchen eine sponsorlose Waise, doch im Gegensatz zu den anderen lag sie nicht mit ihnen zusammen im Schlafsaal, sondern auf der Krankenstation des Heims. Die vielen Produkttests hatten sie im Laufe ihres Lebens von Innen heraus aufgefressen und nun lag sie mit ihren knapp 16 Jahren im Sterben. Für Trisha war ihr nahender Tod keine große Tragödie, sie sah es als ihren einzigen Fluchtweg aus dem elenden Leben als Sponsorlose.
Als sie am Morgen des 14. Februars erwachte spürte sie sofort, dass an diesem Tag eine Veränderung bevorstand, sie konnte nicht ganz erfassen worum es sich handelte, aber es lag etwas in der Luft. Ihre Brust fühlte sich schwer an und ihr Atem ging nur stockend. Es waren nicht nur diese inneren Eindrücke, die sie wahrnahm, auch ihre Umgebung hatte sich verändert, die dunklen Vorhänge waren, anders als sonst, fest zugezogen und es brannte nur ein kleines Licht am anderen Ende der Station.

Gerade wollte Trisha per Knopfdruck das Hollogramm einer Krankenschwester aufrufen, als die magnetisch verschlossene Tür geöffnet wurde und ihr Arzt, Doktor Flister, den Raum betrat.
„Ah, guten Morgen Trisha, ich wusste nicht, dass du schon wach bist,“ begrüßte er sie betont freundlich, doch Trisha nahm einen neuen, besorgten Unterton in seiner Stimme wahr.
„Guten Morgen, Doktor. Können Sie mir sagen, was heute los ist? Es fühlt sich alles so anders an und es ist so dunkel im Raum, dabei ist es bestimmt schon 10 Uhr.“
Mit wenigen Schritten durchquerte der Arzt den Raum und ließ sich, mit einem sorgenvollen Blick, auf ihrem Bett nieder. Er atmete ein paar Mal tief ein und beantwortete schließlich ihre Frage:
„Du glaubst nicht, wie schwer mir das fällt, egal wie oft ich es schon getan habe. Ich muss dir leider mitteilen, dass deine Lebensenergie verbraucht ist, es gibt keinen Zweifel, dass du den heutigen Tag nicht mehr überleben wirst. Es tut mir Leid!“
Trisha sah ihren Gegenüber gefasst an und ließ diese Nachricht eine Weile auf sich wirken.
„Ich verstehe,“ sagte sie trocken, „aber wozu dann die Dunkelheit? Ich bin die ganze Zeit über bestens mit dem Tageslicht hier zurechtgekommen, wieso tun die Schwestern jetzt so, als wollten sie mich schonen?“
Doktor Flister sah seine Patientin überrascht an, mit so einer Reaktion hatte er nicht gerechnet.
„Wir, naja, wir dachten, es würde dir helfen und…“
„Falsch gedacht, ich bestehe darauf, dass der Raum sofort wieder erhellt wird und jetzt lassen Sie mich alleine!,“ Trisha war aufgebracht, doch durch ihre Krankheit geschwächt, konnte sie ihrer Wut nicht richtig Ausdruck verleihen, ihre Aufforderung klang eher verzweifelt als wütend.
Joseph Flister bemühte sich seine Verwirrung so gut es ging zu verbergen und sachlich zu bleiben, er erhob sich vom Bett und ging auf die Tür zu.
„Natürlich, Miss Appleton, wie Sie wünschen. Allerdings sollten Sie noch wissen, dass das Heim Ihnen gestattet einer Person ihrer Wahl einen Abschiedsbrief zu übermitteln, die Schwestern werden Ihnen die nötige Technik vorbei bringen,“ damit verschwand er aus dem Raum und ließ eine nachdenkliche Trisha zurück. Nachdenklich und wütend.
Sie hasste alles an diesem Heim, aber das war wirklich die größte Frechheit. Die ganzen Jahre sorgten die Aufseher dafür, dass man niemanden außerhalb des Heims zu sehen bekam und die Freundschaft unter Waisen war sowieso strengstens verboten. Aber wenn man dann plötzlich im Sterben lag, durfte man jemandem einen Abschiedsbrief hinterlassen, als ob irgendeiner der Sponsorlosen jemanden hatte, dem er hätte schreiben können. Trisha hatte eine so schlechte Meinung vom Emmilton-James–Heim, dass sie sich sicher war, dass es sich bei diesem Abschiedsbrief um eine letzte Foltermethode handelte. Man wollte den Waisen vor Augen halten, dass sie auf dieser Welt niemanden hatten und dass keiner um sie trauern würde.

Diesen Triumph würde Trisha ihren Aufsehern jedoch nicht lassen, sie grübelte und grübelte, bis ihr schließlich Cosmo wieder einfiel. Sie hatten den Jungen nur einmal gesehen und auch nur kurz mit ihm geredet, aber nach allem was sie wusste, hatte er es geschafft aus ihrer Partnereinrichtung, dem Clarissa-Frayne-Heim für familiär gefährdete Jungen, zu fliehen und zu überleben. Vielleicht konnte sie es schaffen ihm eine Nachricht zukommen zu lassen.
Kurz nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, wurde die Magnettür erneut geöffnet und eine Robotschwester trat ein, sie öffnete die Vorhänge und löschte das kleine Licht, dann trat sie zu Trisha ans Bett und legte einen Gegenstand auf ihren Nachttisch.
„Dies-sind-Ihre-Abschieds-Brief-Zutaten-Diktieren-Sie-den-Brief-und-geben-Sie-Ihre-Kontakt-Daten-ein,“ ratterte die mechanische Krankenschwester herunter und verließ das Zimmer.
Kaum war Trisha wieder alleine schnappte sie sich den Diktiercomputer und fing an sich mit dem Menü auseinanderzusetzten. Sie wählte die Option „Abschiedsbrief“ und sofort dröhnte eine Stimme aus den Lautsprechern.
„Gewählte Option „Abschiedsbrief“. Diktieren Sie nun ihre Nachricht.“
Trisha machte sich eine Weile Gedanken, sprach einige Sätze, ließ sie wieder löschen und probierte neue Sätze. Nach einigem hin und her war sie schließlich mit ihrer Botschaft zufrieden und bestätigte.
„Die von Ihnen diktierte Nachricht wurde bestätigt. Sie haben folgenden Text ausgesucht:

Hey Cosmo,
wahrscheinlich kannst du dich gar nicht mehr an mich erinnern, wir haben uns nur sehr kurz gesehen. Ich heiße Trisha und wir haben uns vor ein paar Jahren bei einem Süßigkeitentest getroffen. Ich habe dich beobachtet und du hast mich dabei erwischt. Macht nichts, wenn du dich nicht erinnern solltest.
Ich schreibe dir, weil das Emmilton-James–Heim seinen sterbenden Waisen einen Abschiedsbrief zugesteht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nur ihre letzte Machtdemonstration ist, weil sie wissen, dass wir Sponsorlosen sowieso niemanden haben. Du warst ja selbst im Heim, du weißt, wie die Leute hier sind.
Jedenfalls werde ich ihnen diesen letzten Gefallen nicht tun, deswegen musste ich mir jemanden überlegen, dem ich schreiben kann und da habe ich mich an dich erinnert. Du bist die einzige Person, die ich kenne, die nicht mehr im Waisenhaus lebt. Ich würde gerne wissen, wie du die Flucht geschafft hast und wie es dir jetzt geht, aber wenn du das hier liest bin ich wahrscheinlich schon tot, also käme die Antwort sowieso zu spät.
Mach dir bloß keine Sorgen, für mich ist es okay, dass ich sterbe, das ist meine Art aus dem Waisenhaus zu fliehen.
Da ich dir jetzt sowieso schreibe, will ich dir auch erzählen, wieso ich dich damals beobachtet habe. Du hast mich fasziniert, die Verzweiflung in deinen Augen, die immer wachsam durch den Raum schweiften und deine Sommersprossen gepaart mit den braunen Locken. Wenn das im Heim möglich wäre, hätte ich mich bestimmt in dich verliebt.
Oh man, das ist echt peinlich, aber was kümmert mich das jetzt noch?
Also, mach was aus deinem Leben in der Freiheit.
Trisha

Zum Senden geben Sie nun bitte die Kontaktdaten ein.“
Trisha stockte, wie konnte dieser Brief je zu Cosmo gelangen? Er hatte seine Adresse bestimmt nicht bei den Wohnungsdatenbanken abgegeben, immerhin war er immer noch ein Sponsorloser. Oder sollte er etwa einen Sponsoren für sich gefunden haben? Sie musste es versuchen. Trisha tippte „Cosmo Hill“ als Empfänger ein und die Antwort des Computer überraschte sie.
„Zielperson gefunden, Dish-Jockey, momentan stationiert an Energieversorgung des Myishi-9-Satelliten. Bestätigen Sie die Eingabe.“
Trisha folgte der Ansage und es ertönte ein schlichtes „Nachricht gesendet“. Cosmo war also Weltraumcowboy geworden, das hätte sie nicht erwartet, aber sie freute sich für ihn, wenigstens nicht mehr Sklave der Heimaufseher.

Als hätte allein die Wut auf die Heimleitung und die Aufregung wegen der Nachricht sie noch am Leben gehalten, spürte Trisha, wie ihre Kraft sie langsam verließ. Sie schloss ihre Augen und ließ sich in ihre Kissen sinken.

Das erste Mal in ihrem Leben war Trisha wirklich zufrieden.
Ihr elendes Heimleben war endlich vorbei, ihre letzte Tat war eine Demonstration gegen das Heim gewesen und sie hatte gerade so eine Art Liebesbotschaft verschickt, obwohl sich sowas für Sponsorlose eigentlich nicht gehörte. Ein letztes Mal atmete sie die stickige Luft von Satellite City ein und verabschiedete sich für immer von dieser Welt.

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So, das ist mein erster Versuch zur zweiten Aufgabe. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll...
Weil mir keine guten Ideen kommen wollten, habe ich den Charakter von der ersten Schreibaufgabe übernommen (mein alter Text) und auch die Situation beibehalten, deswegen ist es etwas...nunja...tragisch? Und passt vielleicht nicht 100%ig zur Schreibaufgabe...
Vielleicht schaffe ich es, noch einen anderen Text zu schreiben...Trotzdem würde ich mich natürlich über Kommis freuen, vor allem über produktive Kritik (ich hab noch knapp 1000 Zeichen frei)

24.02
-->Rechtschreibfehler beseitigt, danke für die Hinweise *Tinkerbell knuddel*

26.02
-->kleine Änderungen, bezüglich Trishas Gespräch mit dem Arzt und Cosmos Adresse

27.02
-->Rechtschreibfehler beseitigt, dankeschön :) *Cathy knuddel*

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