Cerion!?

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Bild von L G

„Was machst du denn hier?“, rief Bryn fassungslos.
Einen Moment lang war er wie gelähmt.
Zum Teil war es noch der Schrecken, dass jemand in seine Falle getappt war, und zum Teil war es der Schock, wer sich darin wand.
Er nahm alle Einzelheiten mit erschreckender Klarheit wahr: Die schlanke Gestalt, die hellblonden, franseligen Haare, die grüne Lehrlingstracht.
Er spürte die Freude des Anderen darüber, ihn so aus der Fassung gebracht zu haben.
Die grauen Augen musterten ihn abschätzend, warteten darauf, dass er das Schweigen brach.
„Wieso folgst du mir?“, würge Bryn schließlich hinaus.
Cerion versuchte sich aufzurichten. „Rate mal“, schnaubte er. „Ich bin hier, weil ein gewisser Grünschnabel nicht auf sich selbst aufpassen kann. Reicht dir das?“
Bryn starrte ihn an, den Schock immer noch nicht ganz überwunden. Doch Cerion achtete nicht darauf.
Als er schließlich merkte, dass Bryn keine Anstrengungen unternahm, ihm aus der Falle zu helfen, stöhnte er ungeduldig. „Was ist jetzt? Hilfst du mir jetzt endlich aus diesem primitiven Ding hier raus oder soll ich hier unten Wurzeln schlagen?“ Während sich weiterhin wand und zappelte wie ein Fisch im Netz, musste Bryn, der sich von dem Schock wieder einigermaßen erholt hatte, kichern.
Es sah einfach zu komisch aus: Cerion, der sich hoffnungslos verfangen hatte und versuchte, sich zu befreien, während er einen Schwall Flüche ausstieß, die man ihm sicher nicht in der Caer Isnova beigebracht hatte.
Als er Bryns mühsam unterdrücktes Kichern bemerkte, schien Cerion ihn förmlich mit Blicken töten zu wollen.
„Meinst du vielleicht, das hier ist witzig?“, brüllte er plötzlich los. „Hilf mir jetzt endlich hier raus, verdammt!“
Irgendwie schaffte er es, sich halb aufzurichten, sodass er Bryn die Arme entgegenstrecken konnte. Dieser reichte ihm einen Ast, sodass er Cerion hinaufziehen konnte.
Oben angekommen, ließ Cerion sich auf die Erde fallen, wobei er immer noch wütend vor sich hin murmelte. Bryn konnte nur ein paar Satzfetzen verstehen.
„… erster Auftrag… Grünschnabel retten… dann so was… peinlich…“
Bryn schloss daraus, dass Cerion nicht besonders erfreut über den Verlauf seines ersten richtigen Auftrags war.
„Wieso ausgerechnet du?“, fragte er schließlich. Cerion warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Fysal und Aquiuss sind beschäftigt, und abgesehen davon ist es für mich die Gelegenheit, endlich meine Fähigkeiten bei den Culmus Sangui unter Beweis zu stellen. Glaub mir, ich würde lieber gegen eine ganze Nurgor- Armee kämpfen, als das hier.“ Er machte eine Pause, um Luft zu holen. „Und wieso, wieso“, er wies auf Bryns Falle, „machst du so was hier?“ Bryn fühlte Zorn in sich aufsteigen. Er hatte Cerions selbstgefällige Art in der Caer Isnova gehasst, und er hatte gewusst, dass sich das hier nicht ändern würde.
Er beschloss, Cerion und seine Beleidigungen zu ignorieren, stand auf und stapfte in den Wald hinein. All die Momente, in denen er sich ausgemalt hatte, hier draußen gegen ihn zu kämpfen- ihn nun zu besiegen-, sie zählten nicht mehr. Für ihn zählte nur noch der Gedanke, so weit zu gehen, wie seine Beine ihn trugen, und das so schnell wie möglich.
Doch wie erwartet, kam ihm Cerion mühelos nach. „Wo ist dein Kampfgeist geblieben?“ rief er. „Eigentlich hatte ich erwartet, dass du wenigstens versuchen würdest, mich anzugreifen. Vielleicht bist du doch nicht das Kämpfertalent, das Sarghenta in dir sieht“, fügte er nach einer kurzen Pause nachdenklich hinzu. „Vielleicht hast du gar nicht das Zeug dazu, ein richtiger Culmus Sangui zu sein. Sieh dich doch an! Mama Bellyset ist seit Monaten tot, das ist eine Tatsache, die auch du langsam akzeptieren solltest.“
Bryn blieb abrupt stehen. Langsam drehte er sich zu Cerion um, der ebenfalls stehenblieb, nur wenige Meter von ihm entfernt.
„Was hast du gesagt?“, stieß Bryn hervor. Cerion antwortete. Er hatte gemerkt, dass er Bryns Panzer einen Riss zugefügt hatte, und war entschlossen, diesen zu vergrößern.
„Ich sagte“, fing er langsam an, „dass du endlich aufhören solltest, zu trauern. Du solltest etwas Nützlicheres tun, als hier umherzustreifen. Du bist nicht der Einzige auf der Welt, der jemanden verloren hat. Beim Krieg um das Tor sind Tausende Familien auseinandergerissen worden. Aber sie haben trotzdem weitergekämpft.“
Weiter kam Cerion nicht. Mit einem Wutschrei stürzte Bryn sich auf ihn, seinen Culmus ziehend. Doch Cerion war ebenso schnell.
Bryn konnte nichts mehr fühlen, konnte nicht mehr klar denken. Er fühlte nur den Zorn.
Heißen, roten Zorn.
Blind parierte er jeden von Cerions Hieben. Entfernt nahm er wahr, wie Äste und Steine ihm entgegenschlugen, aber er achtete nicht mehr darauf. Obwohl es mittlerweile dunkel war im Wald- die Dämmerung hatte eingesetzt- konnte Bryn die Angriffe Cerions förmlich spüren. Es gelang ihm schließlich sogar, Cerion zurückzudrängen. Dieser war deshalb mehr und mehr auf seine Verteidigung angewiesen. Als Bryn dies erkannte, ließ er einen Moment von Cerion ab. Das nutzte dieser. Cerion wirbelte herum. Blitzschnell sirrte seine Klinge durch die Luft. Bryn reagierte so schnell wie möglich, doch nicht schnell genug. Die Waffe Cerions traf ihn am rechten Arm, mit dem er seinen Culmus umklammert hielt. Zweifellos hätte die Wucht von Cerions Schlag ausgereicht, um seinen Arm abzutrennen. In letzter Sekunde riss Bryn den Culmus in die Höhe, um den Schlag so gut es ging zu parieren. Trotzdem drang das Schwert tief ins Fleisch ein. Beinahe sofort quoll Blut aus der Wunde und Bryn schrie auf.
Er konnte nicht verhindern, dass er in die Knie ging, keuchend, den Kopf gesenkt. Den verletzten Arm umklammert, hielt er das Schwert schlaff in der Hand.
Cerion grinste höhnisch. „Du hast es immer noch nicht gelernt. Vielleicht hättest du doch noch ein paar zusätzliche Trainingsstunden bei Vallon nehmen sollen.“ Er zuckte die Schultern. „Mein Auftrag war, dich zu beobachten und dich auf den Weg der Culmus Sangui zurückzuführen. Doch anscheinend“, fügte er mit einem nachdenklichen Blick auf Bryn hinzu, der immer noch auf dem moosigen Waldboden kniete und vor Schmerzen stöhnte, „ist es dafür schon zu spät.“ Mit diesen Worten ging er, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
Bryn wusste nicht, wie lange er auf dem feuchten Moos kniete.
Es wurde dunkel.
Es wurde hell.
Irgendwann fand er die Kraft, sich aufzurichten. Seinen Arm, der inzwischen aufgehört hatte zu bluten, verband er mit Moos und Blättern.
Er versuchte, seine Gefühle zu spüren, aber da war nichts.
Kein Schmerz, keine Trauer, nichts.
Nur eine endlose Leere.
Cerion hatte ihm alles vor Augen geführt, was er hatte vergessen wollen. Er hatte Bryns Mauer aus Trauer und Schmerz durchbrochen und nichts als Trümmer zurückgelassen. Nun war es an Bryn, die Mauer wieder aufzubauen oder die Trümmer wegzuräumen.

Wohin er ging, hatte keine Bedeutung. Daher war er umso überraschter, als er sich plötzlich vor Eisenfels wiederfand.
Geistesabwesend setzte er sich auf einen Felsen.
Er dachte an seine Freunde. Thybil, Telseara, Dordios, Aquiuss, seine Eltern… Mittni.
Würden sie ihn vermissen?
Bryn seufzte. Er kannte die Antwort. Doch war er bereit dafür?
Langsam stand er auf.
Und ging mit festen Schritten nach Eisenfels.

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