[seit Tagen] oder [Meena]

Seit Tagen
oder
Meena
„Jela! Was machst du denn hier?“, rief Bryn fassungslos.
Sie schien ihn nicht sofort bemerkt zu haben, doch beim Klang seiner Stimme fuhr sie auf. Ihre Hände tasteten wild nach den rauen Reben, die Bryn ineinander verknüpft hatte, um in seinem provisorischen Netz Halt zu finden.
Er sah ihr vor Wut und Schreck verzerrtes Gesicht erst, als sie es aufgab, um sich zu treten, und den Kopf in seine Richtung hob.
Es war nicht Jela. Das Mädchen, das in seiner Falle hing, kannte er nicht, auch wenn sie ihr mit ihren langen, strähnig weizenblonden Haaren so sehr ähnelte, dass er für einen Moment geglaubt hatte, es wäre tatsächlich sie.
Ihr Zorn schwappte zu ihm hoch und lieĂź ihn unwillkĂĽrlich zurĂĽckzucken. Er hatte die GefĂĽhle anderer seit vielen Wochen nicht mehr gespĂĽrt, wo sie ihn sonst auf Schritt und Tritt verfolgt hatten.
„Na?“, keuchte das Mädchen. Sie bemühte sich, ihre Stimme fest und herrisch klingen zu lassen. „Was ist, hä? Willst du mich jetzt fressen?“ Sie schnaubte und versuchte, sich auf die Seite zu drehen. Das Netz ächzte, als wolle es jeden Augenblick auseinanderreißen. Sie war gezwungen, wieder stillzuhalten.
„Ich will dich nicht fressen“, antwortete Bryn schließlich mürrisch, gereizt durch ihre auf ihn eindrängenden Gefühle. „Warum, verflucht, folgst du mir?“, fügte er hinzu, jetzt selbst zornig werdend. „Was willst du?“
Das Mädchen funkelte ihn an, während sie sich mühsam im Netz festhielt. „Wie wärs, wenn du mich hier rausziehst?“, zischte sie feindselig zurück. Ihre Augen blitzten. „Dann können wir den Rest immer noch klären, ja?“
Er spürte ihre Hilflosigkeit. Es befriedigte seinen aufkochenden Zorn ein wenig. Sein Blick wanderte über ihre Gestalt, die im schwach hin und her pendelnden Netz hing, und blieb an ihrem Gürtel hängen. Sie trug einen Köcher mit Pfeilen daran. Die roten Federn an ihren Enden waren zerknickt vom Sturz.
„Starr mich nicht so an“, fauchte sie und versuchte noch einmal, sich im Netz aufzusetzen. Diesmal riss eine der Reben. Mit einem unterdrückten Aufschrei klammerte das Mädchen sich in die Ranken. Er spürte ihr Herz rasen vor Schreck und Wut. Als er an den Rand des Abgrunds trat und somit in ihre Reichweite kam, konnte er das erste Mal ihre Gedanken lesen.
Sie verfluchte ihn ausgesprochen wĂĽst.
Wenn Blicke töten könnten, ging es ihm durch den Kopf, als er auf die Knie ging und ihr die Hand entgegen streckte, gerade so weit, dass sie sie nicht erreichen konnte.
„Ich helfe dir da raus, wenn du mir sagst, warum du mir gefolgt bist“, schlug er vor und versuchte dabei möglichst kompromissbereit zu klingen. Sofort schlug das bisschen Panik, das er in ihrem Gefühlschaos spürte, in erneute aufgebrachte Wut um.
„Meinetwegen“, presste sie schließlich zwischen den Zähnen hervor.
„Ich kann dich auch da hängen lassen“, erinnerte er.
„Weiß ich“, zischte sie zurück. „Jetzt hilf mir.“
Bryn verkniff sich eine bissige Antwort und beugte sich stattdessen, sich mit einer Hand an der Felskante abstützend, vor. Das Mädchen zog sich an den Reben hoch und versuchte, nach seiner Hand zu greifen. Das Netz schwankte bedenklich. In dem Augenblick, da die Reben mit groben, hässlichen Geräuschen zerrissen und es nachgab, bekam Bryn ihre Hände zu fassen und zog sie mit einem kräftigen Ruck zu sich.
Sie kletterte zu ihm hinauf, das eine Bein noch immer im Netz gefangen. Bryn sah zu, wie sie die Ranken von ihrem FuĂź zerrte und dabei in Gedanken vor sich hin fluchte.
Er musterte sie; sie trug Bänder aus bunt gefärbtem Bast an den Handgelenk und eine Kette mit Holzschnitzereien um den Hals. Das Haar fiel ihr wirr und zerzaust ins Gesicht. Ihre Hose war an den Knien aufgescheuert und abgetragen, ebenso ihr Hemd. Ihre nackten Füße waren zerkratzt, ihre Haut sonnengebräunt.
„Danke“, brummte sie zu Bryns Überraschung und schleuderte die Ranken von sich. „Nette Falle.“
Bryn hatte erwartet, dass sie davonlaufen würde, aber weder tat sie irgendetwas, was er erwartet hätte, noch deuteten ihre Gefühle und die vagen Gedanken, die er in ihrer unmittelbaren Nähe las, darauf hin, dass sie es vorhatte.
Stattdessen erhob sich das Mädchen noch immer ein wenig ungelenk vom Sturz und wartete, bis auch er aufgestanden war. Vor sich hin knurrend klopfte sie sich den Staub von der ohnehin verdreckten Hose.
„Wie wäre es mit Abendessen?“
„Abendessen?“, wiederholte sie und wirkte nun ihrerseits verdutzt.
„In Fallen laufen macht doch sicher hungrig“, entgegnete er und versuchte ein Grinsen. Er hatte sich schon lange nicht mehr an Humor versucht. Scheinbar war das etwas, was man verlernte, denn sie sah nicht sehr amüsiert aus.
„In deiner dämlichen Falle habe ich nur leider meinen Bogen verloren. Du siehst nicht so aus, als könntest du dich ernähren, mal ehrlich.“ Sie schenkte ihm ein spöttisches Lächeln.
„Du könntest hinterherklettern. Wenn ich in Fallen hänge, sehe ich erst einmal nach, wie tief die Abgründe unter ihnen sind“, entgegnete Bryn jetzt wirklich grinsend.
Das Mädchen funkelte ihn an. Sie sah aus, als wäre sie äußerst wütend auf sich selbst.
„Schön, dass du auch einen Namen hast“, rief Bryn ihr nach, während sie mit einer ihn überraschenden Geschicklichkeit an einer weniger steilen Stelle den Abhang hinab kletterte.
„Meena“, fauchte sie zurück.
An ihrem Namen haftete eine vage Erinnerung, aber er konnte sie nicht zuordnen.
Bryn wartete, bis sie wieder auftauchte, einen Jagdbogen in der Hand, mit vom Klettern staubigen Kleidern und finsterem Gesicht. Sie tat, als wäre er gar nicht da, während sie sich gemeinsam auf den Weg in das Tal hinter dem Bergpass machten, aber als er nach einer Weile vorschlug, ein Feuer zu machen, stimmte sie ohne bissige Widerworte zu.
Er versuchte, ihre Gedanken zu lesen, aber es war, als wolle er Rauch in bloßen Händen zu fangen. Mehr als ein paar Worte und Gedankenfetzen bekam er nicht zusammen. Ihre Gefühle hatten sich beruhigt.
Entweder schweiften Meenas Gedanken so sehr, dass sie für ihn nicht klar genug waren, oder aber, und es beunruhigte ihn – sie konnte seine Fähigkeiten mittlerweile abblocken, nachdem er sie einmal angewandt hatte.
Bryn ließ sie nicht aus den Augen, während sie gemeinsam ein wenig Holz sammelten und es aufschichteten, aber Meena beachtete ihn kaum. Sie entzündete Zunder mit Feuerschein, und während sie ein paar grüne Äste auf die Flammen warf, um mit dem Qualm Insekten zu vertreiben, sammelte er sein hochgerafftes Hemd voll Beeren.
Die Wolken hatten sich verzogen, und in der Abenddämmerung sangen die Grillen im Gras des lichten Waldes und die Vögel in den Bäumen. Es duftete nach roter Sonne und ausgedörrtem Gras.
Meena saß auf einem der flachen Steine, bei denen sie das Feuer entzündet hatten, und schürte die Flammen. Bryn fiel ein Schatten auf, der sich ihre Wange hinab zog; bei näherem Hinsehen war es ein bläuliches Muster, aber plötzlich wandte Meena ihm das Gesicht zu und zog die Kapuze ihres Hemdes ein wenig höher.
„Du hast mir deinen Namen nicht genannt“, stellte sie fest, aber bevor Bryn überhaupt den Mund aufmachen konnte, fuhr sie fort: „Warum hast du mich vorhin Jela gerufen?“
„Ich habe dich verwechselt“, erwiderte er, während er die Beeren in seinem Hemd ausbreitete. Sie waren dunkelrot und süß von Reife. „Du siehst einem Mädchen aus meinem Dorf ähnlich. Ich kenne sie von früher.“
Nur dass sie verschleppt worden war, erwähnte er nicht.
„Ah.“ Meena nahm sich drei Beeren auf einmal und schob sie sich in den Mund.
„Ich bin an der Reihe mit Fragen stellen“, erinnerte Bryn, während er mit dem Fuß einen Ast zurück ins Feuer schob. Das Holz war noch ein wenig feucht vom letzten Regen, aber die Flammen waren gierig genug, um es trotzdem zum Brennen zu bringen.
„Schieß los“, entgegnete Meena mit vollem Mund und griff sich eine Hand voll Beeren.
„Warum bist du mir gefolgt?“
„Wie kommst du darauf, dass ich dir gefolgt bin?“, entgegnete sie ohne zu zögern und steckte sich eine einzelne pralle rote Beere zwischen die Zähne. „Warum hast du mir eine Falle gestellt?“
„Wer bist du?“, fuhr Bryn unbeirrt fort. „Und was machst du hier?“
„Jagen?“, schlug Meena mit einem vielsagenden Blick auf den Bogen vor.
Bryn blickte auf ihren Hals, dort, wo Meenas Haar und die Kapuze die seltsamen Muster verbargen.
„Was willst du wirklich von mir?“ Er musterte sie, als könne er die Antwort in ihrem Gesicht finden.
„Warte, Bryn.“
Er starrte sie an, erschrocken und ĂĽberrumpelt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie seinen Namen kannte. Woher?
Meena schien zu zögern.
„Ich erkläre es dir, aber bitte hör auf, meine Gedanken lesen zu wollen.“ Aus ihrer Stimme klang gereiztes, aber auch respektvolles Unbehagen.
Das war neben seinem Namen das Letzte, womit er gerechnet hätte.
Meena hob eine Hand und griff nach ihrer Kapuze. Mit einem tiefen Ausatmen streife sie sie zurück und entblößte ihren Hals. Als sie den Kopf zur Seite lehnte, sah Bryn im Feuerschein bläuliche Zeichen auf ihrer Haut; verschlungene, wie mit feiner Feder gezogene Muster zogen sich von ihrer Schulter bis hinauf auf die Wange und wurden dort von Strähnen ihres blonden Haares verborgen.
Bryn starrte auf die seltsamen Zeichen, und irgendetwas in ihm kannte sie; als Meena sprach, spĂĽrte er ihre Entschlossenheit drĂĽckend, fast schmerzhaft.
„Ich beobachte dich schon seit Tagen. Ich war mir nicht sicher, ob du es bist. Ich bin auf der Suche nach dir gewesen“, sagte sie schließlich leise und eindringlich. Ihre blaue Augen fixierten die seinen. „Schon viel länger, als du denkst, Bryn. Ich kenne dich besser, als du glauben magst. Jela …“ Sie lächelte traurig. „Jela ist meine Schwester. Sie konnte Kontakt zu mir aufnehmen, bevor sie verschleppt wurde. Seitdem suche ich dich. Das ganze Land ist auf der Suche nach dir.“
Bryn verstand nicht. Er spürte etwas Flehentliches in ihrer Stimme, halb Befehl, halb verzweifelte Bitte. Sie atmete aus, tief, langsam, und ihr Blick blieb unablässig auf sein Gesicht gerichtet.
„Du musst mit mir kommen, Bryn. Bitte.“ Und sie fügte hinzu: „Das Imperium schickt mich.“
_______________
_______________
Anmerkung:
Ich habe nur die Anmerkung aktualisiert, nicht wundern.
Ich habe das Buch leider noch nicht gelesen, stehe aber auf der Büchereiwarteliste (als Entschuldigung ^^). Ich hoffe, das ist trotzdem in Ordnung, da in der Ausschreibung stand, man müsse das Buch nicht gelesen haben. Ich bitte inhaltliche Fehler zu entschuldigen. Natürlich habe ich Jela und Meena erfunden, aber ich hoffe, dass das mit dem Dorf und Verschleppen und so weiter hinkommen könnte.
Der Text hat - ha! - 9956 Zeichen. BADADAM! xP
Nox,
Sichere Wege durch die Dunkelheit
Nachtblick
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
