Vollmond

„Was machst du denn hier?“, rief Bryn fassungslos. Vor ihm in der Grube saß ein junger Mann, ungefähr 17 Jahre alt. Bryn starrte den Gefangenen entsetzt an. „Du...du...du kannst gar nicht hier sein!“, stammelte Bryn. Er kniff die Augen fest zusammen und stellte beim Öffnen fest, dass der Junge immer noch da war. „Jarmor. Du bist tot! Ich habe gesehen, wie du gestorben bist!“ Langsam ließ er sich auf den Waldboden sinken. Seine Füße baumelten über dem Rand des Abgrunds. „Das kann doch gar nicht sein! Du bist tot!“, wiederholte er. Jarmor zappelte nicht. Er hielt ruhig. Nach einer Weile erhob er sich langsam. Er legte seinen Kopf in den Nacken, um zu Bryn hinaufsehen zu können. „Viele dachten, ich wäre tot.“, sprach der Gefangene leise, aber doch voller Stolz. Er fuhr mit der Hand durch sein schulterlanges braunes Haar und blickte zur Seite, als würde er auf eine Antwort von Bryn warten. Doch Bryn saß wie festgewachsen da. Er schüttelte den Kopf und fixierte einen unbestimmten Punkt in der Landschaft. „Nein“, murmelte er, „Das kann nicht sein.“ Jarmor begann zu erklären: „Als Morsna das Schwert zwischen meine Rippen stoßen wollte, verfehlte er mich knapp. Ich bin nicht gestorben, wie du sehen kannst!“ Er lächelte und zeigte auf sich selbst. Bryn wusste nicht, ob er Jarmor wirklich vertrauen konnte. Bilder stiegen in ihm hoch. Bryn hatte sich schon einmal von Jarmor täuschen lassen. Er sah, wie alle auf ihn zeigte und lachten. Doch das war schon lange her, als er noch ein Kind war. Bryn schüttelte den Kopf, als könnte er dadurch alle Gedanken vertreiben. Aber immer noch überlegte er. War es wirklich nur Täuschung? Bryn zeichnete mit den Zehenspitzen sinnlose Figuren und Zeichen auf der weichen Erde. Verlegen senkte er den Kopf. Wie konnte ich nur so von ihm denken? Er würde doch nicht lügen, oder?, dachte Bryn, während er aufstand und Jarmor aus der Grube half. Er würde mir nicht erzählen, dass er...das gibt es nicht, Bryn! Sei nicht albern. Zum ersten Mal sah Bryn dabei in Jarmors Gesicht. Auf seiner rechten Wange zog sich eine lange Narbe, auf der Stirn war Blut, denn er hatte sich beim Sturz in die Grube an einem Ast geschnitten. „Was ist?“ Jarmor hatte Bryns Blicke bemerkt. Er klopfte ihm auf die Schulter. „Komm, lass uns gehen!“
Es war schon Nacht, als sie immer noch durch den Wald liefen. Auf der Suche nach einem geeigneten Unterschlupf. Als sie auf einer Waldlichtung waren, blieb Bryn stehen und starrte entsetzt an den Himmel. „Vollmond!“, flüsterte er. „Vollmond! Du lügst!“ Er rannte durch das dichte Gestrüpp. Stach sich an Dornenhecken und schnitt sich an herausstehenden Ästen. „Bei Vollmond leben alle Toten auf!“ Die Worte seiner Großmutter hallten in seinem Kopf. Immer schneller rannte er. Immer lauter wurden die Worte in seinem Kopf. „Hüte dich vor denen, die du tot geglaubt hast, wenn sie einst Feinde waren!Lass dich nicht von ihren Lügen einspinnen! Pass auf, Bryn!“ Hin und wieder warf er einen prüfenden Blick nach hinten, doch er konnte durch die Dunkelheit nicht erkennen ob ihm jemand folgte. Bryn erreichte einen hohlen Baumstamm, in dem er sich versteckte. Puhh!, dachte er, Geschafft!
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