Zuola

„Zuola! Was machst du denn hier?“, rief Bryn fassungslos. Er hätte mit allem gerechnet – bloß nicht mit der, die er gerade stark und würdevoll am Boden der Grube stehen sah. Der Barue bemerkte kaum, dass es zu regnen begonnen hatte. Sie war das einzige, was er sah. Ein leiser Schauder durchfuhr ihn, als sie sprang und sich auf den Erdboden hochhangelte. Einen Augenblick später stand sie vor ihm, stolz und schön. Sie richtete sich auf und schüttelte sich die verführerisch glänzenden, schwarzen, nun vom Regen feuchten Haare aus dem Gesicht. Bryn nahm alles an ihr überdeutlich wahr, sich ihrer angespannten Muskeln ebenso bewusst wie ihrer schönen grünen Augen, die ihn abschätzend musterten. Von der Frau ging eine Aura aus, wie der junge Mann sie selten erlebt hatte – erhaben, berechnend, bereit. Sie war durch und durch eine Culmus Sangui.
Die beiden blickten sich direkt in die Augen und Bryn fühlte sich plötzlich in die Ecke gedrängt. Warum bloß? Mit dem Schwert war er ihr fast ebenbürtig, und auch Kraft hatte er wie sie. Er brauchte keine Angst vor ihr zu haben und bemerkte doch, wie sein Puls schneller schlug, wenn er sie ansah.
Sie standen sich stumm gegenüber, ein paar Minuten lang, und Zuola machte keine Anstalten, seine Frage zu beantworten. „Komm schon, sag endlich, was tust du hier?“ Er war misstrauisch. Hatte sie ihn ausspionieren sollen?
Auf dem schönen Gesicht erschien für einen kurzen Moment ein Lächeln, das etwas Verschlagenes hatte, aber eine Antwort bekam er immer noch nicht. Was wollte sie nur? Er war unsicher ihrer Gegenwart wegen, und gleichzeitig wütend, weil sie seine Ruhe störte. Gab es denn keine Möglichkeit, in Frieden gelassen zu werden? Und doch ließ ihn ihr Anblick schaudern, auf eine seltsame Weise. Er fühlte sich angespannt, sein Atem ging rasch, sein Herz klopfte. Was sollte das alles?
Besonders irritierte Bryn, dass es ihm Schwierigkeiten bereitete, ihre Gefühle wahrzunehmen, so als wären sie mit einem dunklen Tuch verhüllt. Wie machte sie das? Und was hatte sie zu verbergen?
Auch wunderte er sich darüber, dass sie seine Falle übersehen hatte – die Culmus Sangui waren doch in höchstem Maße darin geschult, so etwas zu umgehen. Aber was hätte es für einen Sinn, wäre sie absichtlich in die Grube gestürzt?
All diese Gedanken strömten durch seinen Kopf, während Zuola sich anschickte, zu antworten. „Du wirst in Eisenfels gebraucht“, teilte sie ihm knapp mit.
Woher wusste sie von der Festung? War sie etwa auch dort gewesen?
Was spielte das jetzt schon für eine Rolle. Und was sollte er in Eisenfels? Dort erwarteten ihn nichts als Trauer, Schmerz und Erinnerungen.
Der Regen wurde stärker. Bryn nahm ihn wahr, am Rande seines Bewusstseins, und fühlte sich eins mit der Natur. Das Wetter spiegelte seine Stimmung wider, das monotone Geräusch der Wassertropfen ließ ihn gleichgültig werden gegenüber der Frau vor ihm. Sollte sie doch sagen, was sie wollte. Er würde nicht nach Eisenfels zurückkehren.
Zuola schien zu bemerken, dass sie nichts bei ihm erreichte. Ihre Stimme wurde nachdrücklicher.
„Bryn, es ist so... Mittni wurde im Kampf gegen eine Horde Nurgor verwundet. Du musst zurückkommen!“
Der Schock durchflutete Bryn. Und das sagst du mir erst jetzt?, wollte er sie anfahren, wütend auf sie und besorgt um seinen besten Freund. Er würde es nicht aushalten, noch jemanden zu verlieren...
Dieser Gedanke löschte für einen Moment alles andere aus seinem Kopf und ließ ihn taumeln. Doch augenblicklich hatte er sich wieder unter Kontrolle. Himmel, sie war eine Culmus Sangui! Mehr noch, sie war Zuola! Er durfte unter keinen Umständen Schwäche vor ihr zeigen. Er blieb stumm, schrie ihr den Vorwurf nicht entgegen, der ihm schon auf der Zunge gelegen hatte.
Noch ist es nicht so weit, sagte er sich.
Plötzlich kam ihm eine erschreckende Überlegung in den Sinn.
Was, wenn das bloß ein Vorwand war, um ihn dazu zu bringen, sich wieder den Culmus Sangui anzuschließen? Dass ihre Gefühle verschleiert waren, kam ihm verdächtig vor. Und war es wahrscheinlich, dass Mittni verwundet worden war? Er war immerhin ein ausgebildeter Krieger, und auf Eisenfels gab es auch noch andere Kämpfer. Sollte sein Freund etwa allein in den Kampf gegen Nurgor gezogen sein? Noch dazu gegen eine Horde, die Bryn nicht bemerkt hatte, obwohl er schon seit Tagen in den Bergen umherzog?
Er wurde aus der ganzen Situation nicht schlau.
War es denn typisch für Zuola, ihn unter solch einem Vorwand zurückzulocken? Fast hätte er über seine Naivität gelacht. Sie war im Gegensatz zu ihm eine ordenstreue Culmus Sangui, ihre Aufträge gemäß den Anordnungen ausführend.
Um seinen Moment der Unsicherheit zu überspielen, setzte Bryn ein gleichgültiges Gesicht auf.
„Was kümmert es mich, dass Mittni verwundet ist?“
Er spürte ihre Überraschung deutlich, auch unter dem verdeckenden Tuch um ihre Gefühle. Sie hätte nie damit gerechnet, dass ihm sein bester Freund gleichgültig sein würde. Bryn freute sich hämisch, dass er den Spieß umgedreht hatte, bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass ein Teil von ihm wirklich so fühlte. War er denn kalt und herzlos geworden?
Doch was war Verwundung gegen Tod. Falls Mittni überhaupt verwundet war, was Bryn nicht sehr naheliegend erschien.
Die Frau musterte ihn. Offenbar versuchte sie herauszufinden, ob seine Bemerkung ernst gemeint gewesen war. Stille machte sich breit, nur von den Regentropften gestört, die prasselnd auf die Blätter der Bäume fielen. Die immer dunkler werdenden Wolken ließen es so gut wie unmöglich werden, weit in die Ferne zu sehen; der Wind brachte den Wald zum Rauschen.
Im Grunde wollte Bryn nichts weiter als allein sein und trauern. Aber nun war Zuola da, und er wollte sie nicht gehen lassen, ohne zumindest ein paar Neuigkeiten bekommen zu haben.
„Wann warst du in Eisenfels?“ Er beäugte sie kritisch. War er wirklich schon so lange weg gewesen? Ihre Miene blieb unergründlich. Abschätzend, planend. „Vor ein paar Tagen, kurz nachdem du gegangen warst, bin ich eingetroffen.“
Wieso nur konnte er ihre Gefühle nur so undeutlich wahrnehmen? Was hatte sie zu verbergen?
„Und als dein Freund verwundet wurde, hat man mich nach dir ausgesandt“, sprach sie weiter. Das Wort „Freund“ betonte sie, als wolle sie herausfinden, ob er Mittni gegenüber wirklich gleichgültig geworden war. Doch sein Gesicht blieb unbewegt, kalt; er glaubte ihr die ganze Geschichte nicht.
Bryn hatte den Eindruck, als erzähle sie ihm nur die halbe Wahrheit und verschweige etwas wichtiges; vielleicht sogar den wichtigsten Bestandteil der Sache.
Aber auf diese Weise würde er nicht mehr Informationen bekommen, dessen war er sich ganz sicher. Er sah keinen Grund, mit ihr zu gehen. Wäre Mittni wirklich verwundet, könnte sich auch Eridanus um ihn kümmern. Er ist aber nicht verletzt, machte Bryn sich eindringlich klar, sie sagt nicht die Wahrheit.
Zuola hatte etwas zu verbergen, dessen war er sich ganz sicher. Doch was? Standen wirklich nur die Culmus Sangui dahinter?
Bryn schaute die Frau an, die stumm und stolz dastand, dem Wetter trotzend. Sie war – faszinierend. Geheimnisvoll. Anziehend.
Er ertappte sich bei diesen Gedanken und war völlig durcheinander. Was war das? Er durfte jetzt nicht so denken, möglicherweise war er der Verschwörung gerade auf der Spur. War Zuola darin verwickelt? Es wäre möglich... Bryn konnte nicht klar denken, denn das Kleid, das vom Regen nass an ihrem Körper klebte, hielt ihn davon ab. Verflucht, hätte er am liebsten laut geschrien. Ein Satz Sarghentas kam ihm in den Sinn: „Und was die Unaufmerksamkeit betrifft... Das Einzige, was dich ablenken kann, bist du selbst; wenn du es zulässt, zerstreut zu sein.“ Sie hatte ja keine Ahnung.
Was sollte er nur tun? Ihr sagen, sie solle die Hand von ihrem Schwert nehmen und die Arme kreuzen? Ein grotesker Gedanke. Er verachtete sich und war gleichzeitig wütend auf Zuola, die ihn so unsicher und verwirrt machte.
Er schlug einen spottenden Ton an. „Und weil du mich unbedingt finden wolltest, bist du wohl in die Grube gefallen, was?“
Einen Moment lang wehte der Schleier um ihre Gefühle zur Seite, er spürte ihre tiefe Getroffenheit, ihre Wut, ihre Zerknirschung, aber auch einen Hauch von Hinterlist. Doch augenblicklich hatte sie sich wieder unter Kontrolle und verbarg ihre Empfindungen.
„Bilde dir bloß nichts ein, ich stehe rangmäßig über dir.“ In ihrer Stimme hörte Bryn eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Hohn und Drohung; süßlich und herb vereint. War es eine gute Idee, ihr zu sagen, das er kein Mitglied der Culmus Sangui mehr sein wollte? Wohl eher nicht. Außerdem würde sie das schon noch herausfinden. „Ich bitte um Verzeihung, Paladin“, antwortete er höhnisch. „Soll ich mich vor dir verbeugen?“ Feixend machte er einen Diener. Er wusste, dass er zu weit ging, aber dass er sie beleidigte, war ihm in diesem Moment gleichgültig. Regentropfen fielen auf seinen Rücken, durchnässten sein ohnehin schon nasses Gewand noch weiter.
Eine Welle des Zorns und Kränkung brach über ihn herein, als Zuola die Kontrolle über ihre Gefühle verlor. Mit einem Satz war sie bei ihm und wollte ihm das Schwert an die Kehle halten, doch er sprang rechtzeitig zurück und zog sein eigenes Schwert. „Mach dich nicht lustig über mich“, knurrte sie gereizt. Sie umkreisten sich, wachsam wie zwei Raubkatzen. Die Blätter unter ihren Füßen knisterten leise, ihre Atemzüge trug der Wind davon. Der Regen wurde stärker und stärker, aber für Bryn existierte nur noch Zuola ihm gegenüber. Als Feindin. Als Frau seiner Sehnsucht.
„Warum bist du hier?“, fragte er sie leise. Er hatte sie durchschaut und sie wusste es. Unsicherheit machte sich auf ihrem Gesicht breit.
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