Verlangen nach zwei Totgeglaubten

„Mael! Was machst du denn hier?“, rief Bryn fassungslos. Er keuchte einige Momente in sich hinein, schloss seine Augen, nur um zu sehen, dass wenn er sie wieder öffnete Mael noch immer da war. Er war selber erstaunt, dass er den Jungen in der Grube einfach so erkannt hatte, aber dies verdankte er wohl seinem guten Gedächtnis und der Erkenntnis, dass Mael sich kaum verändert hatte. Kaum. Er war nur größer geworden.
Und jetzt ist er hier in meiner Falle!
Bryn war fassungslos.
Zu dieser Fassungslosigkeit mischten sich Zweifel und Angst. Bryn ballte die Fäuste und starrte direkt in das runde Gesicht des anderen. Sein blondes, leicht gelocktes Haar fiel ihm leicht in die Stirn und seine graublauen Augen glänzten matt. Seine Wangen schienen hohl zu sein und sein Körper abgemagert und verschmutzt. Die Kleidungsfetzen die ihm teils am Körper herabhangen sahen aus als wären sie einem wilden Tier zum Opfer gefallen.
Angespannt wartete Bryn, dass Mael etwas sagte, ein paar Worte zur Begrüßung hätten ihm gereicht.
Andererseits war Bryn froh, noch ein paar Momente des Nachdenkens zu haben.
Tausende Fragen schossen ihm durch den Kopf und es wurden noch mehr als Mael sich zu Worte meldete.
„Bruder“, bebte seine Stimme leise, so leise, dass Bryn ihn fast überhört hätte. In Wirklichkeit hätte Bryn Mael in diesem Moment nie überhört. Die Wichtigkeit dieses Wortes und die Gefühle die es in Bryn auslösten waren überwältigend.
Bruder! Wie lange war es her? Und wie lange würde es dauern bis er wieder weg war? Bis man sie wieder trennen würde? Aber vor allem: Wieso? Wieso erst jetzt? Und, warum?
Nicht die Fragen direkt machten ihm Angst, nein, viel mehr... viel mehr... die Antworten. Sie könnten alles zerstören, Lebensträume, Hoffnungen und Wünsche Bryns, aber auch Freude bereiten und seine Welt verändern. Auch nach Mutters Tod.
Zu dieser Angst mischte sich, eben diese Verzweifelung, die Bryn schon lange spürte.
Wollte Mael überhaupt etwas mit ihm zu tun haben? War er nur gekommen um ihm hinterher zu spionieren oder um bei ihm nachzufragen ob Mutter wirklich tot war? Oder hatte er nur einen Grund gehabt ihm zu folgen, nämlich das Verlangen ihn, Bryn zu sehen?
Vor allem: Wusste Mael überhaupt noch wie er hieß?
Bryn biss kurz die Zähne zusammen und versuchte die Fragen für einen kurzen Moment in den Hintergrund zu drängen. Wichtig war nur, dass Mael vor ihm, mittlerweile stand und zu ihm empor blickte.
Er spielte mit dem Gedanken Mael eine Weile in der Grube zu lassen, als Rache sozusagen, verwarf diesen aber sofort wieder. Die Verzweifelung hatte sich in Wut verwandelt.
Wut, die er schon lange gespürt hatte. Für Mael und seinen Vater Oknan. Damals als die Beiden ihn und Mutter verließen und sich einem feindlichen Stamm anschlossen. Als die Welt schien Kopf zu stehen.
Und wieder diese unendlich vielen Fragen. Wieso nur Oknan und Mael? Warum nicht auch er und Mutter? Wieso hatten sie einfach einen Teil der Familie allein gelassen, wissend, dass es Mutter nicht gut ging und ein kleiner Junge, wie Bryn damals war, sich nicht um sie kümmern konnte! Ohne die Hilfe ihrer damaligen Nachbarin Helga wäre Mutter schon lange tot.
Und was wäre dann aus Bryn geworden?
Bryn atmete noch einmal tief durch und berlegte kurz. Mael musste wohl noch ein wenig in der Grube ausharren. Denn dies war seine Chance. Er musste sie nutzen. Nutzen um seine Vergangenheit zu verstehen, die wiederum seine Zukunft prägen würde.
„Mael“, flüsterte Bryn leise, denn das Wort ‚Bruder’ wollte nicht über seine Lippen.
„D-d-du kannst dich an m-meinen Namen erinnern?“, antwortete Mael genauso leise und für Bryn klang es als würde ein kleines Schulsgefühl mitklingen.
„Ja“, nickte Bryn. „Du, dich etwa nicht an meinen?“
Er stockte.
Es war als würde man ihm die Lunge zupressen.
Sein Bruder kannte seinen Namen nicht mehr. Doch er konnte sich erinnern! Wieso... wieso also Mael nicht? Die Angst siegte über sein eben gewonnenes Selbstvertrauen und Bryn ballte erneut die Fäuste.
„Du bist...“, begann Mael und hielt kurz inne als müsse er nachdenken. Dann lächelte er leicht. „... Natürlich Bryn, nicht?“
Endlich. Der Druck auf Bryns Lunge wurde schwächer und er konnte wieder gut atmen, trotz rasendem Herzen.
Bryn nickte und ein kleines Lächeln erschein auf Maels Gesicht.
Er sieht genau so aus wie Vater Oknan, schoss es Bryn durch den Kopf. Soweit ich mich erinnern kann.
„Was machst du hier?“, fragte Bryn seinen Bruder.
„Dich suchen-“
„Du hast mich verfolgt.“ Darauf folgte eine für Bryn fast unerträgliche Pause, die er am Liebsten übersprungen hätte.
„Ja, Bryn“, antwortete Mael. „Schon lange.“ Wieder eine Pause. „Mutter ist gestorben und... Vater Oknan und ich haben davon erfahren. Ich weiß, dass wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben, Bryn aber wir haben dich nicht vergessen. Das musst du mir glauben! Vater und ich haben uns Sorgen um dich gemacht, weil... weil Mutter gestorben ist und deine einzige, familiäre Bezugsperson war.“
Bryn konnte nicht glauben was er da hörte. Sie hatten sich Sorgen um ihn gemacht, sie hatten ihn vermisst, waren aber nicht in der Lage dazu ihm das schon früher mittzuteilen?! Musste also erst Mutter sterben, damit Bryn die Wahrheit erfuhr?
Und was dachten Mael und Vater Oknan eigentlich? Dass Bryn sie in all den Jahren nicht vermisste hatte, sich nicht Sorgen und Gedanken um sie gemacht hatte?! Dass sie ihnen egal waren?! Mutter hatte nie ein Sterbenswörtchen über die Beiden gesprochen, bis zuletzt wusste Bryn noch nicht einmal ob sein Bruder und sein Vater überhaupt noch lebten!
Es war wie ein Verlangen nach zwei Totgeglaubten.
„Ich-ich dachte ihr wärt tot...“, sagte Bryn ruhig.
„Tot?!“, überschlug sich Maels Stimme. „Hast du nicht die Briefe gelesen, die Vater Oknan und ich dir bis zuletzt, bis kurz vor Mutters Tod, geschrieben haben?! Du hast nie geantwortet, weshalb wir uns wahnsinnig um dich gesorgt haben, dass es Mutter schlecht ging hörten wir von Durchreisenden aber von dir haben wir nie etwas gehört!“
Bryn stockte. Briefe? Briefe?
Meinte Mael die wenigen die Bryn bekommen hatte, ohne Absender?
„Ich habe nicht viele Briefe bekommen“, erklärte Bryn. „Es stand nicht viel drin. Und wenn, dann waren sie alle ohne Absender.“
„D-das kann nicht sein, Bryn. Vater Oknan und ich haben immer einen Absender auf ein beiliegendes Pergamentblatt geschrieben, damit du auch antworten konntest! Moment mal... Du sagst, du hast nur wenige bekommen? Wie viele?“
Bryn überlegte. Es waren vielleicht zwei pro Jahr. Ja, mehr nicht. „Zwei“, antwortete er.
Mael nickte und seufzte. „Wir haben dir fast jede Woche geschrieben, Bryn, immer mit Absender. Aber ich kann mir schon vorstellen wieso du so viele nicht bekommen hast.“
„Und wieso?“
„Mutter“, seufzte Mael und hielt kurz inne. „Weißt du überhaupt wieso wir damals fortgegangen sind, Bryn?“
Da war sie. Die Frage. Die Frage, deren Antwort Bryn schon lange suchte aber nie gefunden hatte. Wollte er sie überhaupt hören, jetzt wo er sich damit abgefunden hatte, keine zu bekommen?
Nein! Es musste sein, das wusste Bryn. Dies war ein Punkt in seinem Leben, ein Wendepunkt der alles verändern konnte. Er musste ihn nützen.
„Nein“, erwiderte Bryn. „Ich weiß es nicht.“
Mael überlegte kurz, dann begann er in Erinnerungen schwelgend, zu erzählen: „Vor vielen, vielen Jahren, als du gerade mal fünf Jahre alt warst und ich zehn, da tauchte ein Bote in userem Dorf auf. Er rief alle Männer zu einer großen Versammlung in die Stammeshütte. Auch Vater Oknan ging dorthin, während Mutter mit uns zu Hause auf ihn wartete.
Es dauerte lang. Mehrere Stunden. Dann endlich kam Vater wieder. Er erzählte uns, dass der Bote von einem feindlichen Stamm, einem neuen Volk, ganz in der Nähe von unserer Heimat stammte und, dass diese bald unser Dorf und die Umliegenden angreifen würden. Nur wer rechtzeitig, noch am selben Tag entschloss die Heimat zu verlassen und zu dem feindlichen Stamm überzutreten hätte eine Chance zu überleben.
Keiner der anwesenden Männer, wie Vater berichtete, schien den Ernst der Lage zu verstehen. Sie blieben. Genau wie Mutter und du.
Vater Oknan wollte natürlich seine ganze Familie mitnehmen, doch Mutter wehrte sich, beschimpfte ihn als einen Feigling, der sich nicht traute wie ein Mann zu kämpfen. Du solltest wissen, dass Mutter und Vater schon vorher oft, sehr oft, fast regelmäßig gestritten hatten und dieser neue Streitpunkt perfekt war um endlich ein getrenntes Leben anzufangen.
Zuerst wollte Vater uns beide mitnehmen, Bryn, aber Mutter wehrte sich. Ein Sohn solle bei ihr aufwachsen und Vater würde schon sehen, dass sie die bessere Erzieherin war. Doch Vater Oknan fand dieses Verhalten nicht lustig. Es ging, Streit hin oder her, um dein Leben. Deshalb versuchte er dich mitzureißen, doch du hast dich gewehrt, wolltest bei Mutter bleiben.
An dem Tag war es schon spät und die letzten Stunden der ‚Wechselzeit’ waren bereits angebrochen. Vater Oknan musste schnell handeln, weshalb er nur mich mitnahm.“ Bryn starrte Mael nur fassungslos an. Dann war er ja praktisch mitschuld!
Doch Mael schüttelte nur den Kopf, als könne er seine Gedanken lesen. „Es war nicht deine Schuld, Bryn und auch nicht Vaters. Du warst noch jung und oft bei Mutter, öfter als bei Vater und mir, wenn wir jagen gingen. Dafür warst du eben noch zu jung. Daher war es für dich logisch bei dem Elternteil zu bleiben, das du besser kanntest oder mochtest.
Es war nicht so, als hätte Vater nicht versucht dich im Laufe der Jahre zu uns zu bekommen aber die Briefe, die dies beinhalteten, verschwanden bei Mutter, die sie bestimmt massenweise vernichtete. Sie war geradezu davon besessen dich bei ihr zu behalten.
Erst als Vater sie einmal zur Rede stellte, weshalb du nicht antwortetest und von der Briefvernichtung erfuhr konnte er sie zurechtweisen. Doch viel brachte es nicht, denn du hast trotzdem nur wenige Briefe erhalten. Und jetzt habe ich mich auf die Suche nach dir gemacht. Durch zahlreiche Dorfbewohner habe ich erfahren wo du hingegangen bist und bin schließlich auf deine Spur gestoßen. Ich war mir nur nicht sicher ob... du es wirklich bist.“
Plötzlich erwachte die Wut gegen seine Mutter, in Bryn. Hätte sie... die Briefe an ihn weitergegeben, dann...
Bryn konnte einfach nicht daran denken. So vieles hätte anders sein können. Er hätte, nach der Zerstörung des Dorfes durch den feindlichen Stamm, nicht wie ein Flüchtling mal hier mal da schlafen und schließlich mit Mutter in ein winzig-kleines Haus ziehen müssen!
Aber vor allem: Vater Oknan und Mael hatten ihn nie vergessen.
Und mit einem Mal konnte er seine Freude nicht unterdrücken. Er lächelte, kniete sich neben die Gruppe und streckte Mael die Hand. Mit einem Ruck zog Bryn seinen Bruder hoch.
„Du bist stark geworden“, grinste Mael.
„Ich habe trainiert.“
„Genug, um Vater Oknan und mir beiseite zu stehen?“
Bryn verstand zuerst nicht, dann aber wurde ihm die Bedeutung der Worte klar.
„Ja“, sagte er lächelnd. „Jederzeit.“
Dann packte Mael, Brynn an der Hand und zog ihn auf die Beine. „Auf geht´s in dein neues zu Hause.“
Und dieses Mal hält mich niemand auf, dachte Bryn und begrüßte zugleich diesen neuen Lebensabschnitt.
Aber dieses Mal bei Vater.
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Ein paar Fakten ;D ->
- Ca. 10.000 Zeichen OHNE Leerzeichen
- Die Story hat mir so im Kopf herumgespukt, mal schauen wie sie ankommt^^
- Ich bin grad ziemlich in Eile und HOFFE, dass ich nicht allzu viele Fehler in den Text verpackt habe... sorry >.< Ich besser sie dann noch aus!
- Danke für alle Kommis & Bewertungen ;)
Ihr bekommt auch ein Rückkommi :)
(Könnte aber etwas dauern weil ich jetzt wahnsinnig viele Tests in der Schule habe, tut mir leid, aber ihr bekommt es auf jeden Fall!! Einfach Link da lassen oder per PN)
DANKE xD *wink* Lg <3
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