Gefühlslos.

Bild von Andreaa

„Oh! Was machst du denn hier?“, rief Bryn fassungslos und trat noch einen Schritt vor.
Sofort bereute er es, diese Falle gestellt zu haben. Er sah wie sich ein kleines, zerbrechliches Mädchen hilflos in dem provisorischem Netz wälzte und vor Anstrengung keuchte. Die dunklen, braunen Augen weit aufgerissen.
In ihrem anklagenden Blick spiegelte sich Angst.
Angst und Gleichgültigkeit.
Eine seltsame Kombination.
Eine Kombination die Bryn stark an sich selbst erinnerte. Er empfand ebenfalls so etwas wie Angst. Wieso?
Das wusste er nicht.
Verwunderlich war, dass er trotzdem eine gewisse Gleichgültigkeit spürte. Es war ihm sozusagen alles egal.
Gleichgültigkeit und Angst.
Seltsamerweise fühlte er sich zu ihr hingezogen.
War das eine Falle? Eine Falle für ihn?
Sei vorsichtig Bryn, mahnte er sich selbst.
War sie ein Mensch? Nein, das konnte nicht sein. Menschen würden an ihrer Stelle einen hysterischen Schreianfall bekommen und sich nicht stumm herumwälzen. Außerdem wäre es merkwürdig, wenn er hier einen Menschen begegnen würde. Vor allem so ein kleines Mädchen.
Ein Barue war sie nicht.
Nein.
Sie musste ein Mensch sein. Nur ein Mensch sah so zart aus.
„Wer bist du?“ fragte er leise. Fast sanft. Er konnte nicht anders. In ihrem kurzen, türkisfarbenen Kleid, sah sie so zerbrechlich aus. Ihre schwarzen, glatten Haare umrahmten ihr bleiches, liebliches Gesicht, was Bryn stark an eine Porzellanpuppe erinnerte.
Auf einmal wurde ihr Körper ganz still. Sie schloss ihre Augen. Nur ihre dünnen, blassen Finger umklammerten hilfesuchend das Netz.
Das Netz, das viel zu grob für ihre zarten Finger war.
„Wer bist du?“ fragte er noch einmal.
Vergebens.
Sie regte sich nicht. Es sah aus, als würde sie schlafen. Bryn verspürte auf einmal den Drang, sie in den Arm zunehmen. Ihr kleines Gesicht zeigte zwar keinerlei Gefühle, doch er konnte ihre Gefühle fühlen.

Neugier. Angst. Gleichgültigkeit.

Leise, mit bedächtigem Schritt, ging er auf das Netz zu. Er musste sich nur ein bisschen runterbeugen und den Arm ausstrecken. Bryn hätte dem Drang, die schwarze Strähne aus dem Gesicht des zierlichen Mädchens zu streichen, sicherlich nicht widerstehen können, wäre da nicht das verräterische Laub unter seinen Füßen gewesen. Das Knistern des Laubes kam Bryn unnatürlich laut vor.
Viel zu laut.
Erschrocken schlug sie die Augen auf und blickte ihn vorwurfsvoll an.
„Ich… ich wollte nicht… ich…“
Es war nicht ihr anklagender Blick, der ihn stottern ließ. Nicht ihre umwerfende Schönheit, welche ihm den Verstand raubte. Nein. Es war die plötzliche Gefühlswelle die wieder auf ihn einströmte.
….und Bryn aus dem Gleichgewicht brachte.

Freude. Neugier. Angst. Gleichgültigkeit.

Zögernd streckte er ihr die Hand entgegen, doch sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Wer bist du?“ fragte Bryn ein drittes Mal.
Das blasse Mädchen schaute ihn fragend an.
„Ich bin Bryn.“
Sie schüttelte erneut den Kopf.
Wer war sie?
Sie konnte kein Mensch sein.
Nein.
Für einen Menschen war sie viel zu hübsch.
Nimm dich in Acht Bryn, mahnte er sich wieder.
Wer war sie? Eine Falle?
Er wich einen Schritt zurück. Vielleicht sollte er einfach gehen. Das wäre wahrscheinlich das beste. Doch er konnte nicht gehen. Er konnte das kleine Mädchen nicht alleine lassen.
Über seinen Kopf raschelte etwas. Er blickte hoch in ein spärliches Astwerk. Ein rabenschwarzer Vogel bemühte sich ein einigermaßen stabiles Vogelnest zu bauen. Ja, die Schneezeit kam bald. Wie zur Bestätigung bekamen Bryn und das blasse, schwarzhaarige Mädchen einen kalten Windhauch zu spüren.
Das Mädchen? Bryn blickte verblüfft in das Netz. Sie war verschwunden. Einfach so. Er konnte nur noch ihre Gefühle spüren.

Trauer. Freude. Neugier. Angst. Gleichgültigkeit.

„Ich bin hinter dir.“ Eine helle, unbekannte Stimme. Bryn hielt den Atem an und drehte sich um. Natürlich. Das Mädchen. Sie saß auf einem Baumstumpf und lächelte ihn freundlich an.
„Was… was…“ - soll das, wollte Bryn fragen, doch er wusste auf einmal nicht mehr, wie man einzelne Wörter zu einem vollständigen Satz verknüpfte. Dieses Mädchen brachte ihn völlig aus der Fassung. Wie es unschuldig auf dem morschen Baumstumpf saß und lächelte.
Lächelte, während die nächste Gefühlswelle auf Bryn einbrach.

Misstrauen. Trauer. Hoffnung. Neugier. Angst. Gleichgültigkeit.

Wie konnte man einen anderen anlächeln, wenn man misstrauisch war?
„Wer… wer bist du?“, fragte Bryn und das erste Mal wollte er die Antwort nicht hören.
Und das war das erste Mal, dass das kleine Mädchen eine Antwort gab, während sie ihn mit ihren dunklen, tief braunen Augen musterte. Nicht misstrauisch. Nein. Sie musterte ihn einfach so. Ohne Gefühle.
„Wer ich genau bin, ist unwichtig. Doch man nennt mich Lucilla. Lucilla, die Leuchtende.“
Der Name hallte viel zu laut in seinem Kopf.
Lucilla.
Die Leuchtende.
Sie sprach ihren eigenen Namen so stolz, fast selbstverliebt aus, dass Bryn auf einmal eine leichte Abneigung gegen sie hegte. Er hasste selbstverliebte Leute.
„Wie bist du aus… dem Netz…?“
Lucilla winkte ab und seufzte.
„Unwichtig. Ich glaube ich sollte dann mal wieder gehen. Ich hab alles was ich brauche.“ Sie stand elegant auf und grinste ihn frech an. Ihre Augen glitzerten hinterhältig.

Fassungslosigkeit. Misstrauen. Trauer. Hoffnung. Neugier. Angst. Gleichgültigkeit.

… und Bryn erschrak als er seine eigenen Gefühle erkannte.
„Ich verstehe nicht…“ seine Stimme war nur ein Hauchen.
„Manche nennen mich auch die gefühlslose Lucilla.“ Sie rümpfte die Nase und schüttelte ihre schwarzen Haare.
„Diese Leute haben ehrlich gesagt keine Ahnung. Meistens sind es die Barues, die das behaupten. Nur weil sie meine Gefühle ausnahmsweise mal nicht ausspionieren können. Dafür hab ich dieses Vergnügen.“ sie lachte ein hohes, schrilles Lachen.
Bryn starrte sie an. Er starrte sie solange an, bis ihm wieder einfiel, wie man sprach.
„Nein.“, war das einzige was er sagen konnte.
„Praktisch ist, dass die Barues erst gar nicht merken, dass ihnen ihre Gefühle gezeigt werden.“ fuhr sie unbeirrt fort.
„Was oft verwirrend für sie ist, wie man sieht.“
Sie zog die Augenbrauen hoch und blickte hochmütig, fast angewidert auf Bryn herab, der zusammengesunken auf dem Boden lag.
„Nun denn. Wie gesagt, ich hab alles was ich brauche.“
Sie wirbelte herum und verschwand. Verschwand irgendwo in der Wildnis.
Er spürte den kalten, harten Boden unter sich.
Kälte und Härte.
Keine Gleichgültigkeit.
Keine Angst.
Das einzige was Bryn fühlte war Verrat.

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