Die Prinzessin mit dem Dolch im Gürtel

...Was machst du denn hier?", rief Bryn fassungslos. Er konnte seinen Blick nicht von dem wenden, was ihm da ins Netz gegangen war. Zwei große, dunkelbraune Augen fixierten ihn. Sie durchbohrten ihn beinahe mit ihrer Durchdringlickeit. Es war als würde ein Feuer, ein Feuer aus Emotionen und Gefühlen, sein festes Herz zum Schmelzen bringen. Als würde es ihn... weicher werden lassen. Er versuchte sich dagegen zur Wehr zu setzten! Niemand hatte ihn gefragt ob er weicher, gefühlsduselig werden wollte. Doch es gelang ihm nur schwer. Ein ihm unbekanntes Gefühl ergriff Besitz von ihm!
Sofort kam er sich vor, wie die Beute eines jagenden Tieres, dem er gleich zum Opfer fallen würde und plötzlich war nicht mehr er der Jäger. Dieser einzige Blick hatte die Rollen ihres kleinen Spielchens getauscht. Ihres Spielchens, dass allein aus der Stärke, der eigenen Kraft bestand. Nur dieser einzige Augenblick, ein einziger Blick in diese dunklen Augen und es schien ihm fast so, als würde eine Welle Emotionen auf ihn zu kommen und ihn ertränken. Er sah Wut, Misstrauen und auch ein klein wenig Erschrockenheit. Das war es, was er deuten konnte, der Rest dieser Emotionen überwältigte ihn einfach zu sehr um sie in Worte fassen zu können. Immer mehr überkam ihn das Gefühl die Kontrolle zu verlieren, das Spiel zu verlieren. Er drufte, wollte nicht verlieren! Und das alles nur weil er einen Blick in diese Augen gewagt hatte. Er versuchte sich zusammen zu reißen und sich nichts anmerken zu lassen, seine eigenen Gefühle am besten zu unterdrücken. Sie gingen dieses kleine Mädchen am wenigsten etwas an! Trotzig reckte er das Kinn vor und vermeidete einen weiteren Blick in diese scharfen, durchdringenden Augen, in dieses Feuer der Emotionen.
Schneeweiße Zähne blitzen ihm entgegen, als sie ihn spöttisch angrinste. "Nach was sieht es denn aus? Ich ruhe mich hier aus und warte auf meinen Prinz auf seinem Pferd, der mich retten wird." Die Stimme des jungen Mädchens klang weich in seinen Ohren, doch die Worte waren scharf und gerissen. Jedes einzelne Wort hatte eine gefährlich starke Bedeutung, die Bryn tiefer einschnitt je mehr er darüber nachdachte. Die Stimme jedoch, sie gab ein komplett anderes Gefühl ab, als ihre Augen. Plötzlich fühlte er sich geborgen und nicht mehr allein. Er fühlte sich umarmt, und vielleicht sogar...geliebt. Bryn konnte es selbst kaum glauben, doch es raubte ihm schon wieder die Sprache. Langsam fühlte er sich durch sie beleidigt. Durch ihre blose Anwesenheit. Durch die Tatsache, dass sie ihn zu solchen weichlichen Gefühlen zwang, die er niemals haben wollte!
Doch er konnte nicht anders, als auf dieses Mädchen, das dort in seiner Falle, mit nichts weiterem, als einem dunkelroten Kleid bekleidet, an dessen Gürtel ein schmaler, fein geschwungener Dolch blitzte und an dessen Handglenken, Knöcheln, Ohren und in dessen Haaren Massen an kleinen Ringen, goldenen Kettchen und bunten Bänder hingen, zu starren. An ihrem Äußeren fiel ihm jetzt ein weiteres mal der Dolch ins Auge. Er musste immer wieder zu ihm hinüber schauen, obwohl sein Anblick ihn jedes mal ins Herz schnitt. Es war eine schöne Waffe, doch dieser Ausdruck den sie abgab. Etwas was sich wie Gift langsam und unbemerkt in seinem Körper ausbreitete. Er stach in sein Herz, wie es die Augen zuvor getan hatten, bieder und hinterhältig und wieder war er wütend auf sich selbst.
Was brachte ihn nur dazu etwas so weichliches zu fühlen, sich so gehen zu lassen?
Bryn selbst kam sich schrecklich blöd vor und war unendlich wütend auf sich selbst, diesem Anblick verfallen zu sein, als ihre Stimme ihn wieder aus seinen Gedanken riss. "Na was ist? Hilfst du mir hier heraus oder lässt du mich hier verrotten, bis ich Moos ansetze und mich mit meinen Hinterbeinen hinter den Ohren kratze?" Sie musterte ihn. "Du siehst auch schon aus, wie ein Tiermensch", stellte sie dann mit einem unverkennbaren Unterton an Abstoßung fest.
Bryn beachtete ihr Kommentar gar nicht, fasste sich wieder und kratzte sich am Kopf. Was sollte er tun? Auch wenn sie ihm auf eine beängtsigende Art und Weise bekannt vorkam, wusste er nicht ob er diesem kleinen Mädchen, das ganz klar einem Stamm Zigeunern angehören musste, trauen konnte. Vielleicht waren noch mehr von ihrer Sorte in der Nähe. Zudem fühlte er sich von ihrer bloßen Gegenwart schrecklich gedehmütigt und verletzlich. Außerdem war sie für ein Weib schrecklich vorlaut, soviel stand auf jeden Fall fest und was war wenn sie gar nicht das war, was sie vorgab zu sein? Was wenn ihr kastanienbraunes Haar und ihre leicht gebräunte Haut nicht so waren, wie er es wahr nahm? Was wenn er einem Trugbild verfallen war?
Nach einer Weile stellte er fest, dass dies viel zu viele Fragen auf einmal waren. Kurzerhand griff er nach einem Ast, verfluchte sich innerlich für seine Leichtsinnigkeit und beugte sich in die Grube hinab. "Greif zu", befahl er ihr knapp und schroff. Sie richtete sich mühsam auf und folgte seiner Anweisung ohne ein jedes Kommentar. Das zierliche Mädchen schloss ihre schlanken Finger um den dicken Ast und klammerte sich mit all ihrer Kraft fest, während Bryn sich daran machte, sie hinaus zu zerren.
Auf einmal vernahm er hinter sich ein Grummeln, das dem Grollen des Donners verdächtig ähnlich war. Nur dass dieses Grummeln viel näher war, als sich der Donner je heran trauen würde. Erschrocken ließ er den Stock und das daran hängende Mädchen los und drehte sich hastig um.
Entsetzt sah er auf die hochgezogenen Leftzen eines ausgewachsenen, kräftigen und ungewöhnlich großen Wolfes. Er erkannte die Wut in den Augen des Tieres. Ein Feuer schien in ihnen zu brennen. Es stach ihm auf einmal mitten ins Herz, was einen kurzen Fluch in ihm auslöste. Er verfluchte die Sonne, die Wolken, die Bäume, den ganzen verfluchten Tag, der ihn so schwach aussehen ließ. Was war nur los mit ihm? Er fühlte sich, wie ein hilfloses, altes Waschweib.
Das Tier hatte plötzlich einen Hass gegen Bryn aufgebaut, aus einem Grund, den er nicht verstand. Die Welle an Gefühlen, die ihn nun überwälltigte, kam ihm bekannt vor. Langsam nervten ihn diese Emotionsausbrüche in seinem Kopf. Er versuchte Ruhe auszustrahlen und dem Tier nicht in die Augen zu schauen, um ihm nicht bedrohlich zu erschreinen oder gar noch einmal einem solchen Gefühlsausbruch ausgesetzt zu sein. Zwar ging diese Vorgehensweise komplett gegen Bryns eigentliche Moral, doch er hatte keine Lust vielleicht dogar gegen dieses Tier in einem Kampf zu verlieren. An diesem Tag schien sowieso alles Kopf zu stehen. Alles schien nur an diesem vorlauten Mädchen, ihren Augen ihrer Stimme und diesen verdammt fesselnden Dolch zu liegen. Doch die Wut wich nicht aus dem Leib des Wolfes.
Unauffällig tastete Bryn mit einer Hand nach irgendetwas Hartem hinter sich, um dem ein schnelles und möglichst kampfloses Ende zu bereiten. Als er einen großen Stein gefunden hatte, schloss er seine Finger darum, doch in diesem Moment machtete das Tier einen Satz auf ihn zu und fletschte bedrohlich die Zähne. Der Speichel trat unter den Leftzen hervor und tropfte zur Erde. Bryn merkte, wie seine Finger zu zittern begannen. Angenervt verdrehte er die Augen. Er saß wie gelähmt auf dem Boden vor diesem Tier und wagte es nicht sich zu bewegen. Die Vorstellung des alten Waschweibes wurde nun immer deutlicher!
"Mahardim, bist du es?" Es kam aus der Grube. Bryn zuckte bei der Stimme des Mädchens zusammen. Mit einem Auge auf dem Wolf, der schlagartig ein wenig ruhiger zu werden schien, jedoch trotzdem immer noch wachsam blieb, beugte Bryn sich etwas näher an den Fallenrand heran. "Was hast du gerade gesagt?", zischte er. Ohne seine Frage richtig zu beantworten erwiderte das Mädchen: "Ist dort oben ein Wolf? Ich habe seine Stimme erkannt, ja ganz bestimmt. Er ist es. Mahardim! Ich bin hier unten großer Bruder. Hol` du mich hier heraus, wenn dieser Volltrottel es nicht schafft."
Bei ihren letzten Worten schoss Bryn die Schamesröte ins Gesicht. Was er nun jedoch sah, traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. So etwas hatte er in seinem Leben noch nicht erlebt.
Wie durch ein Wunder schien der Wolf zu verstehen. Plötzlich wich all der Hass aus seinem Gesicht und seine Leftzen entspannten sich. Das Tier legte sich flach auf den Boden und robbte an den Rand der Grube heran. Als er das Mädchen dort unten sah, begann er zu winseln und Bryn sah wie der Schwanz des Wolfes aufgeregt über den Boden wischte. Das Tier leckte sich über die Nase und schien hilflos angesichts der Situation. Immer wieder jaulte es auf und versuchte mit der Schnauze tiefer in die Grube zu kommen.
Bryn beobachtete das Schauspiel eine Weile fassungslos, dann richtete er sich auf und schaute genervt auf das Mädchen herab. Der Wolf schien ihn gar nicht mehr zu beachten und angesichts dieses winselnden, jämmerlichen Geschöpfes wich auch alle Lähmung aus dem Jungen. Am liebsten hätte er diese kleine Hexe dort unten verhungern lassen. Sie hatte ihn so durcheinander gebracht und ihn in seiner Ehre gekränkt. Doch etwas in ihm, sei es die wundersamme Vertrautheit, die er zu ihr empfand, ließ dies nicht zu.
"Nun gut reich mir schon den Ast. Ich ziehe dich herauf!" Aus dem Augenwinkel sah er den plötzlich wieder wachsamen Blick des Wolfes auf sich ruhen. Bryn versuchte diesen zu ignorieren, ergriff den ihm zugewannten Ast und zog mit aller Kraft daran.
Es dauerte nicht lange und kostete nicht sehr viel Anstrengung das zarte Mädchen aus der Falle zu befördern. Er schmiss den Ast hinter sich und wollte gerade etwas sagen, irgendetwas was seinen Ärger, seine Gekränktheit und seine Zuneigung gemeinsam ausdrücken hätte können, da blieben ihm die Worte im Halse stecken.
Mit einem ratlosen Blick und dem schrecklichen Gefühl der Überflüssigkeit sah er zu, wie das Tier und das Zigeunermädchen aufeinander zu sprangen und eine wilde Freude ausstrahlten, die ihn wieder einmal beinahe umhaute. Er selbst wurde nicht mehr beachtet, weder von dem Mädchen, noch von ihren verletzenden Worten oder ihres genauso verletzenden Dolches, doch wenn er es sich recht überlegte wollte er dies auch überhaupt nicht. Auf eine wundersame Art und Weise reichte es ihm Zuschauer dieses Schauspieles einer ungewöhnlichen und unabstreitbaren Liebe zu sein. Eine Liebe, bei der er nur Zuschauer sein durfte, sich nicht einzumischen brauchte. Etwas was er sich eigentlich immer gewünscht hatte: Er musste sich nicht einmischen!
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Kleiner Hinweis: Die Überschrift nicht wörtlich nehmen. Lieber auf den Charakter des Mädchens beziehen;)
Leider nicht ganz so geworden, wie ich es gehofft hatte. Würde mich trotzdem über konstruktive Kritik freuen;)
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