Die Gewinner 2008
In der fantastischen Welt Calaspia, die Suresh und Jyoti Guptara in ihrem Roman „Die Verschwörung“ beschreiben, gibt es das Volk der Barue. Sie können spüren, wie es anderen geht. Das ist ein einzigartiges Talent, das viele fasziniert.
Doch was wäre, wenn es in unserer Welt, im Hier und Jetzt, Menschen geben würde, die Emotionen spüren und Gefühle lesen könnten? Würde diese Gabe für das Gute genutzt? Würde sie die Menschen belasten oder wäre sie ein Geschenk? Die jungen Autoren von hierschreibenwir.de haben sich Gedanken zu dieser Frage gemacht und Geschichten geschrieben, in denen sie auf die verschiedensten Weisen beantwortet wird.
Es sind über einhundertachtzig Kurzgeschichten eingegangen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Autorinnen und Autoren, die hier einen literarischen Beitrag geleistet haben. Es ist aufgefallen, das viele Verfasser sich vor allen Dingen darüber Gedanken machen, welchen Einfluss das Erspüren der Gefühle auf die Liebe zu einer anderen Person hätte. Es sind viele Erzählungen dazu entstanden, die sowohl von den positiven als auch den negativen Dingen berichten, die dabei passieren könnten. Auch einige gute Storys, die komplett in einer fantastischen Welt spielen, sind dabei. Diese wurden allerdings aus der Bewertung herausgehalten, weil das Thema eine Geschichte im „Hier und Jetzt“ vorgab.
Ungewöhnlich viele Kurzgeschichten handeln vom Tod. Viele der jungen Autoren haben erkannt, dass ein so außergewöhnliches Talent in unserer Welt für viele Probleme sorgen könnte und nicht nur zum Wohle der Menschen eingesetzt würde.
Aber kommen wir nun zur Prämierung! Bei der großen Anzahl an Teilnehmern ist es nicht leicht, die zehn Besten zu küren. Es gibt viele Geschichten, die großes Potenzial aufweisen und die man gerne liest. Trotzdem stechen einige eben besonders hervor.
Plätze 2-9 (Reihenfolge nach Eingangsdatum):
Babsi hat in ihrer Geschichte "Gedankensplitter" viele kurze Momente des Lebens eines Menschen beschrieben, der Freude und Schmerz seiner Mitmenschen fühlen kann, und zieht die Leser umgehend in ihren Bann. Das tragische Ende lässt einen mit einem schwermütigen Gefühl zurück. Etwas störend ist lediglich die kursive Schrift, die das Lesen leicht erschwert.
In "Terror im Klassenzimmer" bezieht sich Tinkerbell91 auf die Taten von Jugendlichen, die in einer Schule Amok laufen. Sie hat eine Situation geschaffen, in der ein Mensch, der Gefühle erspüren kann, einem anderen gegenüber steht, der Amokgedanken hegt. Durch die Zwiesprache mit einer weiteren Person, die das Talent besitzt, Gefühle zu spüren, entsteht zusätzliche Spannung in der Erzählung.
In "Das letzte Konzert" geht es um ein Mädchen, das die Gedanken von Verstorbenen auffangen kann. Was dabei passiert, wird zusätzlich mit der Kamera festgehalten, wodurch eine angenehme Mischung aus Mystik und realen Elementen entsteht. Besonders gelungen sind der Autorin Yuni die humorvollen Dialoge. Leider bleibt etwas unklar, wieso die filmende Person erst „Meister“ und später „Karim“ genannt wird.
Dass ein Mörder sich von einer Frau überwältigen lassen kann, nur weil sie seine Gefühle spürt, ist eine äußerst spannende Idee, die velanor in der Erzählung "Wie Wellen an den Klippen" umgesetzt hat. Die Protagonisten sind trotz der begrenzten Möglichkeiten einer Kurzgeschichte gut ausgearbeitet. Auch das Ende ist originell gestaltet worden.
Schmuckmagierin kann sich gut in eine Person hinein versetzen, die die Gefühle der anderen erspüren kann, selbst aber keine empfindet. Sie erzählt uns in "Gefühllos", welche Gedanken einem dabei durch den Kopf gehen könnten und wie schwierig das Leben unter diesen Umständen wäre.
Wer spüren kann, was andere fühlen, kann diese Gabe auch negativ nutzen. Martina berichtet dem Leser von jemandem, der dieses Können unbedingt besitzen möchte und dafür sogar tötet. Erzählt wird die Kurzgeschichte "Ein Leben ohne Qualen?" aus Sicht der Person, die sterben will, um zu verhindern, dass ihre Macht in die falschen Hände gerät. Man kann jeden Moment mitfühlen und ist überrascht von dem heftigen, aber emotionalen Ende.
Ginger berichtet von einem Mädchen, das die Gefühle eines Menschen zwar spüren kann, sie aber nicht richtig deutet. "Meine Liebe" ist eine düstere Geschichte, die davon handelt, dass man dem Anderen vertrauen sollte. Tut man es nicht, kann es tragische Folgen haben. Besonders gelungen ist hier die beschriebene Gefühlswelt, die sich sehr gespalten darstellt.
"Überdosis Emotion" geht besonders unter die Haut. Das Verlangen, negative Emotionen zum eigenen Vergnügen zu spüren, wurde von Tenebris so lebendig beschrieben, dass man gut verstehen kann, wieso der Protagonist sogar ein Verbrechen dafür begeht. Es tut sich beim Leser ein Zwiespalt auf, der in einem unvermeidlichen Finale sein grausames Ende findet.
Wie grausam eine Welt sein könnte, in der Gefühle erspürende Menschen leben, berichtet Nemo in der Geschichte "Zeig mir den Weg". Die Erzählung ist erstaunlich vielschichtig und spielt auf verschiedenen Ebenen. Nemo wechselt nicht nur die Örtlichkeit, sondern auch die Sicht auf die Dinge. Dies geschieht zwar schnell, bleibt aber zu jedem Moment nachvollziehbar.
So, und nun kommen wir zur Siegerin des Schreibwettbewerbes:
Platz 1 geht an Didi.lein.
Sieerzählt uns, wie es sein könnte, wenn alle Menschen Gefühle spüren können mit einer Ausnahme: man selbst. Die Geschichte handelt von einer Schülerin, die keinen Augenblick mit ihren Gedanken allein sein kann und von den anderen ständig geärgert wird. Besonders gelungen ist das überraschende Ende. Erst wird die Illusion aufgebaut, dass die Protagonisten endlich jemanden gefunden hätte, der sie versteht. Diese Hoffnung wird allerdings zerschlagen. Somit erlebt die Kurzgeschichte eine geschickte Wendung, die ihr eine besondere Tragik verleiht. "Allein sein" lässt den Leser tatsächlich mit einem Gefühl von Einsamkeit zurück. Die Erzählung von Didi.lein hat sich den ersten Platz redlich verdient.
Doch auch viele Kurzgeschichten, die es nicht auf einen der ersten zehn Plätze geschafft haben, haben wie gesagt Potenzial. Darum freuen wir uns auf viele weitere Storys von euch und zählen auf eure Teilnahme an zukünftigen Aktionen.
Die Jury
Auch die Autoren, der Rowohlt Verlag und das HSW-Team gratulieren den Gewinnern ganz herzlich und danken allen Teilnehmern.
Die Gewinner werden von uns noch individuell benachrichtigt.
