





Er beobachtete die anderen Schüler, die meisten von ihnen warfen Miranda argwöhnische Blicke zu. Er konnte förmlich hören, was sie alle dachten:
Frischfleisch.
MacFarrin... Den Namen hatte Artemis schon einmal gehört. Doch er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wo. Das würde er als nächstes überprüfen. Er holte sein internetfähiges Handy aus der Hosentasche hervor und öffnete den Browser.
‚Internetverbindung erforderlich’, erschien auf dem Display, ‚Verbindung herstellen?’
Artemis wählte „Ja“ aus. Binnen Sekundenbruchteilen war er mit dem Rest der Welt verbunden. Er rief seine Lieblingssuchmaschine auf und gab Mirandas Namen ein. Danach klickte er auf "Suchen".
Keine Ergebnisse für 'MacFarrin, Miranda'.
Oh, dachte Artemis, da will jemand nicht gefunden werden. Seltsam.
Hätte er Zugang zu seinem PC zuhause in Fowl Manor gehabt, hätte er selbstverständlich dennoch etwas gefunden. Wenn er genug Zeit gehabt hätte.
Naturlich hätte er Butler bitten können, nachzusehen, aber er wollte ihn jetzt nicht damit belästigen.
Er scrollte auf seinem Display weiter nach unten.
‚Verwandte Suchvorschläge: MacFarrin Technologies’
Da viel bei Artemis das Goldstück. Das Goldstück?! Diese Erdvolk-Redewendungen färben auch allmählich ab...
Wie dem auch sei, jedenfalls konnte er sich jetzt erinnern; vor einigen Monaten hatte er in einem Wirtschaftsblatt einen Artikel über den irischen Computeringenieur
Al MacFarrin gelesen. Nichts außergewöhnliches, ein Laptop mit Touchscreen und ein angeblich „revolutionärer“ und „blitzschneller“ neuer Prozessor.
Aber vielleicht war diese Miranda ja mit ihm verwandt. Artemis verzichtete darauf, nochmals einen Suchlauf zu starten, schloss den Browser auf seinem Mobiltelefon und verstaute es wieder in seiner Hosentasche.
Mr. Goldner beendete seine Aufrufungen. „Erledigt“, sagte er, als der letzte Name abgearbeitet war, „Schön, dann können wir uns jetzt dem Tagesablauf zuwenden. Als erstes geht’s ab ins Technische Museum von Dublin. Euer Physiklehrer hat mir einige Aufgabenblätter für euch mitgegeben. Ihr werdet etwa zwei Stunden Zeit haben, die Aufgaben darauf zu lösen. Ihr bekommt sie, sobald wir im Museum sind. Und übrigens: Das soll keine Teamarbeit werden, wir verstehen uns?“
Zwei Stunden?! Das war eine Beleidigung für Artemis’ Intellekt. Das ist doch wohl ein Scherz! Gebt mir dieses Aufgabenblatt doch einfach jetzt gleich und ich bin in zwei Minuten fertig, dann können wir uns diese Exkursion sparen!
„Anschließend“, fuhr Mr. Goldner fort, „Werden wir, wie schon angekündigt, dem Einkaufszentrum einen Besuch abstatten. Dort könnt ihr euch etwas umsehen. Ebenfalls zwei Stunden, und keine Minute länger!“
„Ja, Mr. Goldner“, ertönte es halbherzig von den Schülern.
„Gut. Ach ja, noch etwas: Ihr werdet euch im Einkaufszentrum nur in Gruppen bewegen, also macht euch schon mal Gedanken. Ich erfasse die Gruppen in einer Liste, sobald wir im Museum fertig sind. Vierer Gruppen bitte, Ladies und Gentleman! Das wär’s fürs erste.“
Kaum dass er geendet hatte, brach aufgeregtes Gemurmel in der gesamten Menge los. Alle berieten sich schon, neben wem sie im Bus sitzen wollten, und mit wem sie später eine Gruppe bilden würden. Alle, mit Ausnahme von Artemis und Miranda. Beide hatten so die Befürchtung, dass sie in die Gruppe gesteckt werden würden, in der am Ende noch ein Platz frei war. Artemis, weil er ohnehin die Witzfigur der achten Klassenstufe war (was ihn allerdings nicht weiter störte) und Miranda, weil sie "Die Neue" war.
Kaum das Mr. Goldner die Klassenbücher wieder in seinem Rucksack verstaut hatte, fuhr der Bus vor. Er bog um die Ecke, fuhr bis zum Schultor, hielt dort am Bürgersteig und öffnete die Türen.
„Alles ab in den Bus!“, rief Goldner. Das brauchte er nicht zweimal zu sagen.
Wenige Augenblicke später war der Bus so gut wie voll. Als der letzte Schüler den Bus betrat, waren noch exakt zwei Sitzplätze frei: Zum einen der Platz neben Goldner und zum anderen der neben Miranda.
Mark, so hieß der Nachzügler, dachte einen Moment darüber nach. Neben einem Lehrer zu sitzen war ätzend, na klar, vor allem, weil sie auf der Rückfahrt genau so sitzen mussten wie auf der Hinfahrt, aber neben der Neuen zu sitzen war noch ätzender. Oder doch nicht?
Immerhin war dieses Mädchen nicht gerade die hässlichste.
Aber was würden seine Mitschüler sagen, wenn er an ihrem ersten Tag mit ihr flirten würde?
Mark war sich nicht ganz sicher.
„Mark, nun setz dich schon hin!“
„Ja, genau!“
„Heute noch...“, ertönte es von den anderen. Also entschied sich Mark spontan, sich neben Mr. Goldner zu setzen. Das war sicherer.
Die Türen des Busses schlossen sich. Sie setzten sich in Bewegung.
Artemis bekam von dem Spektakel nichts mit. Er war direkt nach Miranda in den Bus gestiegen, und als diese im hinteren Teil des Busses auf einem Fenstersitz Platz genommen hatte, beschloss er ohne Umschweife, sich auf den freien Platz hinter ihr zu setzen. Kurze Zeit später setzte sich ein Junge aus seiner Klasse – John oder Jim oder so ähnlich – neben Artemis, aber das war ihm jetzt egal.
Kaum dass sich der Bus in Bewegung gesetzt hatte, kramte Miranda ihr Buch und ihren MP3-Player hervor. Sie schloss die Ohrhörer an, suchte einen Moment nach dem Titel, den sie hören wollte und schlug dann ihr Buch auf. All das konnte Artemis nur sehen, Weil er ihr Spiegelbild in der gegenüberliegenden Fensterscheibe betrachtete.
Er fragte sich, was sie wohl hörte. Was sie las wusste er ja bereits.
Um einen Blick auf das Display von Mirandas MP3-PLayer werfen zu können, tat Artemis so, als würde er sich vor Müdigkeit recken, er streckte die Arme aus, richtete sich auf und beugte sich leicht nach vorne. Während er gähnte und sich die Hand vor den Mund hielt, spähte er so unauffällig wie es ihm möglich war nach unten, um auf das Display von Mirandas MP3-Player sehen zu können, doch ihr hellbrauner Lockenschopf war seinem Blick im Weg.
Er musste sich etwas anderes einfallen lassen.
Artemis stand auf und versuchte von seinem Platz aus an die Handgepäckablage zu kommen, wo er Augenblicke zuvor seinen Rucksack verstaut hatte.
Jetzt war sein Kopf hoch genug. Wieder blickte er in Mirandas Richtung, die gerade die Lautstärke an ihrem MP3-Player verstellte und diesen dabei etwas in die Höhe hielt. So konnte er ohne Probleme lesen, was auf dem Display stand:
"Wolfgang Amadeus Mozart – Klavierkonzert Nr. 12 in A-Dur, 3.Satz (Allegretto), KV 414"
Mit so etwas hatte er zwar fast schon gerechnet, dennoch war er etwas überrascht.
Das wird immer interessanter, dachte er uns nahm wieder Platz. Dieses Mädchen schien eindeutig intelligenter zu sein als die meisten anderen in diesem Bus. Wie intelligent genau, würde sich zeigen.
Er betrachtete sie erneut in dem Fenster. Ihm viel auf, dass sie sich nicht nur in ihrem Verhalten von der Masse unterschied, sondern auch in ihrem Auftreten. Während die meisten anderen Schüler im Bus mit gekrümmten Rücken in ihren Sitzen lümmelten und gelangweilt aus dem Fenster starrten, saß diese Miranda kerzengerade und mit übereinander geschlagenen Beinen auf ihrem Platz, ihr Buch auf dem Schoß und lauschte einem Klavierkonzert von Mozart.
Vielleicht wird diese Exkursion aufschlussreicher als ich gedacht habe. Vielleicht.
Artemis beobachtete Miranda noch die ganze restliche Busfahrt. Nicht sonderlich spannend, würden die meisten meinen, doch Artemis beobachtete gern andere Menschen. Miranda saß ziemlich reglos da, hantierte ab und an mit dem MP3-Player und las. Artemis erwischte sich dabei die Sekunden bis zum nächsten umblättern zu zählen. Ein typischer Reflex von ihm; er analysierte jede Situation bis ins kleinste Detail. Hin und wieder schaffte er es, das Display des MP3-Players zu lesen. Miranda hörte anscheinend nicht nur Mozart, sondern auch Beethoven, Bach, Haydn und Strauß.
Irgendwann wechselte sie zu etwas moderneren Klängen – U2 um genau zu sein – doch das war immer noch besser als dieser US-amerikanische Techno-Pop, den die Masse der Teenager hörte.
Artemis hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, als Miranda, kurz bevor sie Dublin erreichten, vollkommen ohne Vorwarnung ihr Buch zuschlug und den MP3-Player ausschaltete. Sie steckte beides zurück in die Tasche, streckte sich einmal und ließ anschließend ihren aufmerksamen Blick durch den Bus wandern.
Artemis beugte sich vor, um ihr Spiegelbild besser betrachten zu können. Er hoffte, dass sie nicht mitbekam, dass er sie beobachtete.
Doch er hoffte vergebens.
Miranda hatte noch nicht einmal annähernd ihren Kopf in Richtung ihres Spiegelbildes gedreht, geschweige denn in die Richtung von Artemis, noch irgendein anderes Anzeichen dafür gegeben, dass sie ihn bemerkt hatte, da fuhr sie herum und sah Artemis, der in diesem Moment über die Lehne ihres Sitzes spähte, direkt in die Augen. Jedoch lag kein Zorn keine Verärgerung in ihrem Blick, nein, es sah eher aus wie Neugierde.
Artemis lehnte sich wieder zurück. Ich Idiot, so ein Anfängerfehler!, fluchte er in Gedanken.
Hätte Miranda ihn jetzt immer noch sehen können, hätte sie festgestellt, dass seine Wangen rot glühten.
Glücklicherweise konnte sie es nicht.
Nachdem einige Minuten verstrichen waren, wagte es Artemis zögernd, Mirandas Spiegelbild erneut zu betrachten. Er sah, dass sie jetzt aus dem Fenster blickte, die Beine nach wie vor übereinander geschlagen. Doch nach diesem Fauxpas beschloss Artemis, sich lieber etwas zurück zu halten. Also richtete er seinen Blick ebenfalls aus dem Fenster. Derzeit fuhren sie durch einen kleinen Vorort von Dublin, und Artemis schätze, dass sie in etwa einer halben Stunde im Museum sein würden, so langsam der Bus voran kam. Er betrachtete die romantischen, kleinen Einfamilienhäuser, an denen sie vorbeifuhren. Allmählich wichen diese mehrstöckigen, moderneren Betonbauten, bis sie sich schließlich in Dublins Innenstadt wieder fanden.
Plötzlich schlich sich wieder diese eine Frage in Artemis’ Gedankenwelt, die er sich bisher nur im Hinterkopf gestellt hatte: Warum hatte das Internet nichts, absolut gar nichts über Miranda ausgespuckt? Selbst wenn es keine Treffer auf die gesuchte Person gab, was allein schon ziemlich unwahrscheinlich war, gab es meist noch tausende andere Einträge. Irgendjemand, der zufällig denselben Namen hatte, irgendein Beitrag in einem Diskussionsforum, in dem der Name auftauchte, irgendein Möchtegern-Promi aus Übersee, der ebenfalls MacFarrin hieß... Aber nichts, gar nichts.
Da musste jemand verdammt gründlich gewesen sein. Und eine Unmenge Geld investiert haben; Artemis wusste das, er selbst hatte dieses Geld investiert. Aber was hatte dieses Mädchen zu verheimlichen? Man gab doch nicht unnötig so viel Geld aus, nur damit man im Internet nicht zu finden war. Es sei denn, man war absolut irre. Aber Miranda wirkte auf Artemis ziemlich klar im Kopf... Was hatte sie also für eine Leiche im Keller?
Artemis wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen. Seine Mitschüler waren beim Anblick der Hauptstadt ihres Landes vollkommen durchgedreht und fingen an, quer durch den Bus zu brüllen. Anscheinend erlitten sie eine Art Kulturschock. Für Artemis war das nichts Besonderes; er hatte schon einiges mehr von der Welt gesehen – sowohl über und unter der Erdkruste als auch zu verschiedenen Zeiten der Geschichte.
Seine Mitschüler anscheinend nicht. Sie rasteten vollkommen aus, riefen sich gegenseitig zu, deuteten aufgeregt mit den Zeigefingern aus dem Fenster und versuchten, so viel Aufmerksamkeit wie nur irgend möglich zu bekommen. In all dem Tumult kam einem von ihnen wohl der Gedanke, jetzt wäre ein idealer Zeitpunkt um den Außenseiter Artemis mal etwas zu ärgern. Kaum, dass der erste damit angefangen hatte, kam ein zweiter dazu, dann ein dritter, vierter, und so weiter.
Am Anfang waren es nur harmlose Sprücheklopfer, die Artemis einfach ignorierte. Doch das stachelte die anderen nur noch mehr an. Irgendwann rückten sie ihm auf die Pelle, knufften ihn in die Schulter, jedoch alles andere als freundschaftlich. Schließlich zerrten sie ihm von seinem Platz, nahem ihn in den Schwitzkasten und lachten sich halb tot. Natürlich waren es nur die Jungs, anscheinend wollten sie ihre Kräfte messen, und Artemis war als Versuchsobjekt auserkoren worden.
Während er hin- und hergeschubst wurde, erhaschte Artemis einen Blick auf Miranda. Überrascht stellte er fest, dass diese sich erhoben hatte und auf einen der Dummköpfe einredete, die Artemis traktierten. Doch dieser schien ihr kaum zuzuhören. Nach einer Weile winkte er ab und stieß Miranda zur Seite, woraufhin diese rückwärts auf ihrem Platz landete. Da endlich bekam Goldner von der Massenkarambolage Wind. Er stand auf und kam zu der Menge herüber.
Das wurde aber auch Zeit, dachte Artemis.
Einige Jungs flüchteten schnell auf ihre Sitzplätze und verhielten sich still, andere schalteten zu spät und blieben wie angewurzelt stehen. Unter anderem auch der Grobian, der Miranda geschubst hatte.
„Jungs, jetzt reißt euch zusammen!“, begann Goldner mit zorniger Miene. „Lasst Artemis in Ruhe. Ich weiß, Geduld ist nicht gerade eure Stärke, aber wir sind bald da. Also vertreibt nicht die Zeit damit, andere Schüler zu ärgern! Setzt euch gefälligst wieder hin!“
Sie taten es. Artemis nahm wieder Platz und ordnete sein verwuscheltes
rabenschwarzes Haar so gut es ging.
Wie die Neandertaler, kommentierte er in Gedanken.
Auch Miranda saß wieder richtig herum auf ihrem Sitz. Artemis hörte, dass sie leise fluchte, während sie ihre Kleidung zurechtzupfte.
Kommentare
Noch ein paar kleine Veränderungen ^^
Nichts weltbewegendes...
Einfach noch mal durchlesen.
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Carpe Diem. - Nutze den Tag.
Bitte!
Bitte schreib weiter!
Ich finde die Idee, ein 3 Genie mit reinubringen echt genial!